Das schleichende Ende des Dollarimperiums

Derzeit zeigt der Dollar Stärke. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Ein schleichendes Ende des Dollarimperiums bahnt sich an.

Der IWF hat gestern verlautbart, er werde die Zusammensetzung des Währungskorbs der Sonderziehungsrechte (SZR) später in diesem Jahr zu überprüfen. Nicht zuletzt um den Außendruck zur weiteren Liberalisierung Chinas aufrechtzuhalten, hat die Zentralbank Interesse daran, den Renminbi (oder Yuan) bereits im Jahr 2015 in den SZR-Währungskorb aufzunehmen zu lassen. Bislang teilen sich nur vier globale Währungen die Ehre, die Sonderziehungsrechte zu bilden. Alle sind Teil des westlichen Blocks (Dollar, Euro, Pfund Sterling und Yen). Um die Bedingungen für die Aufnahme in den Währungskorb zu erfüllen, werden die chinesischen Behörden schnell eine Reihe von Liberalisierungsreformen einzuleiten haben: die finanzielle Öffnung zur Förderung der Währungskonvertibilität und die Ausdehnung des Interventionsbandes zur Flexibilisierung und Marktdeterminierung des Renminbi.

Sonderziehungsrechte sind eine Art Kunstgeld des Internationalen Währungsfonds (IWF), das nicht an Devisenmärkten gehandelt wird. Insofern nennt man auch die SZR das Esperanto der globalen Währungen: Sie erfüllen nicht alle Funktionen des Geldes: SZR können zwar als Teil der offiziellen Devisenreserven eines Landes fungieren, aber sie können weder zur Intervention an den Devisenmärkten noch als Ankerwährung genutzt werden. Dennoch wäre die Aufnahme der chinesischen Währung in den SZR-Korb ein ganz großer Schritt in der Weltneuvermessung. Warum?

Die BRICS-Gruppe fordert schon seit geraumer Zeit, den US-Dollar als internationale Reservewährung zu ersetzen, womöglich mit dem SZR-Korb. Diese Forderung stellte auch vor einigen Jahren die von Joseph Stiglitz geleitete UN-Kommission zur Reform des internationalen Währungs- und Finanzsystems. Zwar erfüllt der Dollar bislang eine wichtige Netzwerkfunktion für die Weltwirtschaft, so wie Englisch als Weltsprache ist er ein natürliches Monopol. Aber da der SZR-Korb nur aus Währungen reicher Länder besteht, ist jede Nachfrage ärmerer Länder nach Reservewährung gleichsam ein unentgeltlicher Zuschuss in die vier Ländergruppen, welche Zentralbankgeld für den SZR-Korb schaffen. In diesem Münzgewinn (seignorage) besteht das ´exorbitante Privileg´ (so Valéry Giscard d´Estaing im Jahr 1960) der Länder, deren Währung internationale Reservewährung ist. Außerdem wirkt die einseitige Abhängigkeit des SZR-Korbes (ca. 80% in Dollar und Euro) prozyklisch auf Rohstoffnotierungen, da Rohstoffwährungen im Korb noch fehlen. Die Einbeziehung des Renminbi im SZR-Korb hätte sowohl Signal- als auch eine reale Wirkungen für China und das internationale Währungssystem. Chinas hochriskante Währungsinkongruenzen würde durch die Internationalisierung des Renminbi gemildert;  das internationale Währungssystem wäre etwas ausgewogener. Eine weitere Öffnung des chinesischen Finanzsystem könnte die Effizienz der Ressourcenallokation verbessern, allerdings auch auch Chinas finanzielle Risiken erhöhen. Die Absicht der Zentralbank, Finanzreformen und Öffnung durch Aufnahme des SZR-Korbes voranzutreiben, wird womöglich in der Retrospektive mit dem stimulierenden Effekt von Chinas WTO-Beitritt auf die Reform staatlicher Unternehmen verglichen werden. Renminbi

Bis das Dollarimperium von einem Renminbi-Imperium abgelöst wird, dürften noch ca. dreissig bis siebzig Jahre vergehen, wenn sich die Geschichte der Führungswechsel bei den führenden Reservewährungen wiederholen sollte. Bereits heute führt China als der Welt größter Nettogläubiger und Exporteur; in Kaufkraft gemessen stellt China nunmehr auch die größte Volkswirtschaft. Das Vereinigte Königreich Großbritannien, das mit dem Pfund Sterling zum Zweiten Weltkrieg die führende Reservewährung vor dem Dollar stellte, verlor seine Führungsrolle als Wirtschaftsmacht bereits 1872 an die USA und wurde 1914 zum Nettoschuldner. Aber erst die wachsende Konvertierbarkeit des Dollar nach dem ersten Weltkrieg begründete seinen stetigen Aufstieg als Reservewährung. Nun ist China an der Reihe…

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Veröffentlicht von

weltneuvermessung

Helmut Reisen ist ein international anerkannter Experte zu Schwellenländern, Entwicklungsfinanzierung und Währungspolitik. Der langjährige Forschungsdirektor des OECD-Entwicklungszentrums (bis September 2012) ist emiritierter Titularprofessor an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel und Assoziierter Wissenschaftler am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, Bonn.

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