Vorsprung durch Technik: Antworten auf chinesische Übernahmen

 

Helmut Reisen, 16.Juni 2016

Wie auch andernorts, kauft China derzeit fleißig deutsche Unternehmen auf, die seiner technologischen Erneuerung dienen. Vorsprung durch Technik, das wollen die Chinesen haben. Kunststoffmaschinen (Krauss Maffei), Baumaschinen (Putzmeister), Gabelstapler (Kion), Chipanlagen (Aixtron), Grafikelektroden (SGL Carbon) und nun Roboter (Kuka). Ein Sturm protektionistischer Reflexe begrüßt die chinesischen Übernahmen.  Nicht nur Politiker entrüsten sich (EU-Wettbewerbskommissar Guenther Oettinger, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel), sondern auch Professoren, beispielsweise der frühere IFO-Präsident Hans-Werner Sinn und Sebastian Heilmann, der Direktor des Mercator-Instituts für Chinastudien (Merics)[1].

Ähnliche Abwehrreflexe gab es bereits vor knapp zehn Jahren, als die gutfinanzierten Staatsfonds Chinas und anderer Schwellenländer mit Firmenaufkäufen begannen[2]. Während die Staatsfonds mit ihren Investitionen in erster Linie auf Diversifizierung ihres Anlageportefeuilles und auf höhere risikogewichtete Renditen abzielen, ist die derzeitige Welle chinesische Übernahmen schwieriger zu beurteilen.

China hat traditionell mehr Direktinvestitionen vom Ausland angenommen als im Ausland investiert (Tabelle 1). Seit etwa 2010 stagnieren allerdings die Zuflüsse nach China, da steigende Lohnstückkosten den Appeal des Standorts für  arbeitsintensive Hersteller gemindert haben. Seitdem haben die chinesischen Direktinvestitionen im Ausland geboomt; gleichzeitig zielen die Chinesen vermehrt auf hochentwickelte Volkswirtschaften statt auf wenig entwickelte Rohstoffnationen.

Tabelle 1: Chinas Direktinvestitionen – Umfang und Restriktionen

Jahr 2005 2010 2015
Zuflüsse, Mrd. US$ 104,1 243,7 249,9
Abflüsse, Mrd. US$ 13,7 58,0 187,8
Restriktionen (0 to 1) 0,56 0,42 0,38

Quelle: http://stats.oecd.org/Index.aspx?QueryId=64225#; http://stats.oecd.org/Index.aspx?datasetcode=FDIINDEX#

 

In Einklang mit der inzwischen vorherrschenden Lehrmeinung hat China seinen Kapitalverkehr graduell aber stetig liberalisiert. Der Restriktionsindex der OECD zeigt 1 für völlig geschlossenen Kapitalverkehr und O bei vollständig liberalisierter Investitionsordnung an. Der OECD-Index ermittelt Eigentumshindernisse, Genehmigungsbarrieren, Personalvorschriften und weitere Restriktionen wie auf Landerwerb und Gewinnrückführungen.  Seit 2005 misst dieser Index einen Rückgang von 0,56 bis auf zuletzt 0,38 Indexpunkte. Allerdings erlaubt China ausländischen Unternehmen immer noch keinen Alleinbesitz, sondern nur Beteiligungen (joint ventures).

 

Chinas staatlich gelenkte Industrie- und Technologiepolitik, welche durch Übernahmen auf Technologiesprünge abzielt, stellt  die europäische Wettbewerbspolitik und Investitionsfreiheit auch angesichts der Größe und Wirtschaftsverfassung Chinas vor neue industrie- und sicherheitspolitische Herausforderungen[3]. Besonders schwer wiegen nach meiner Einschätzung folgende Sorgen:

  • Asymmetrischer Marktzugang. Zwischen der EU und China herrschen ungleiche Wettbewerbsbedingungen. Das gilt besonders für Deutschland, das eine traditionell sehr offene Außenwirtschaftsverfassung hat. Mit einem Indexwert von nur 0,023 gehört Deutschland nach dem Restriktionsindex der OECD zu den weltweit offensten Ländern. Chinas Mindestanforderungen an die lokale Fertigung treffen mit über 60% die deutschen Unternehmen besonders da, wo sie Wettbewerbsvorteile haben: Kraftwerke; Wind- und Solarindustrie; Medizintechnik; Industrieroboter; und die Autoindustrie mitsamt der dazugehörigen Verbindungstechnologie.
  • Subventionen und geldwerte Begünstigung. Chinas global operierende Unternehmen genießen vielfältige Vergünstigungen durch staatliche Beihilfen der Regierung und der Provinzen. Der damit verbundene unfaire Wettbewerb zeigt sich besonders bei staatlicher Auftragsvergabe und beim verzerrten globalen Bieterwettbewerb.
  • Technologietransfer und industrielle Aushöhlung. Staatskontrollierte chinesische Unternehmen absorbieren durch Übernahmen technologische Kernkompetenzen, was zur Aushöhlung der industriellen Fertigungsbasis in Europa führen könnte. Die Erosion von Netzwerkvorteilen – besonders deutlich im Fall der deutschen Autozulieferer – könnte letztlich ganze Industriezweige und Standorte aussaugen.
  • Nationale Sicherheitsrisiken. Hier gelten die Befürchtungen besonders der Wehrindustrie und der Einschleusung, Überwachung und Sabotage. Das Außenwirtschaftsgesetz gibt allerdings der deutschen Regierung die Möglichkeit, den Verkauf von Unternehmen oder Firmenteilen an Interessenten außerhalb der EU zu beschränken, um die „wesentlichen Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik Deutschland zu gewährleisten“. Gleiches gilt für die USA, dem das Komitee für Auslandsinvestitionen (CFIUS) ein Werkzeug zur Verhinderung von Übernahmen selbst in Drittländern (Syngenta) zur Verfügung stellt.

Solche Sorgen geben leicht Anlass zu verzerrenden und diskriminierenden nationalen Maßnahmen, da es kein internationales Abkommen für Direktinvestitionen gibt. Was protektionistische adhoc Antworten bremst, ist angesichts der Größe des chinesischen Marktes die Angst vor Vergeltungsmaßnahmen.

Aus volkswirtschaftlicher (statt industrielobbyistischer) Perspektive bieten die meisten chinesischen Übernahmen keinen Anlass für industriepolitische Interventionen. Ein wichtiges, aber weithin verkanntes,  Kriterium zur Erfassung der Wohlfahrtseffekte chinesischer Übernahmen liefert die Außenhandelstheorie: die Wirkung auf die Austauschraten[4]. Deutschlands Wohlfahrt ist durch Übernahmen mit Technologietransfer nicht berührt, solange sie die Austauschraten nicht beeinflussen – heute und morgen. So können Übernahmen mit Technologietransfer auch die Wohlfahrt im Empfängerland erhöhen, wenn sie Industriezweige mit kompetitiven Nachteilen und Nettoimportsalden betreffen: Da solche Importe infolge des Technologietransfers nach und der Fertigung in China billiger werden, verbessern sich Deutschlands Austauschraten. Das Gegenteil betrifft die Bereiche der Hochtechnologie, in denen Deutschland einen Wettbewerbsvorteil (Nettoexporte) aufweist. Das Kriterium der Austauschraten sollte in der Politik stärkere beachtung finden.

[1] Sebastian Heilmann (2016), “Europe needs tougher response to China’s state-led investments”, Financial Times, 9th June.

[2] Helmut Reisen, „Staatsfonds aus ökonomischer Sicht“, Die Volkswirtschaft Das Magazin für Wirtschaftspolitik 7/8-2008, S. 26-28..

[3] Eine ausführliche Diskussion zu diesen Fragen findet sich in Thilo Hanemann and Mikko Huotari (2015), “Chinese FDI in Europe and Germany: Preparing for a New Era of Chinese Capital”, Merics/Rhodium Group, Berlin.

[4] Henning Klodt (2008), „Müssen wir uns vor Staatsfonds schützen?“, Wirtschaftsdienst, Vol. 88, Heft. 3, S. 175-180, http://dx.doi.org/10.1007/s10273-008-0772-z.

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China marschiert weiter: Eine kleine Auswahl neuer Reforminitiativen

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Thomas Bonschab

Die Reise von Kanzlerin Merkel nach China ist auf deutscher Seite von vielen Sorgen begleitet. In diesen Tagen wird viel über die drohende Übernahme des Technologiekonzerns Kuka gesprochen. Aber die Liste der Sorgen ist länger. Gerade erst im April gab es eine Aussprache im Bundestag zur Lage der Stahlindustrie, bei der es sich in Wahrheit um eine Aussprache über die Konkurrenz aus China handelte. China hat ein neues NGO-Gesetz, das deutschen Stiftungen, Universitäten und NGOs die Suppe versalzt. Überhaupt ist die Stimmung gedämpft. Der Präsident der europäischen Handelskammer, Jörg Wuttke, wird nicht müde zu verkünden, dass die goldenen Zeiten für ausländische Investoren in China vorbei sind. ‚Party isch over!‘

Tatsächlich befindet sich China in einem tiefgreifenden Wandel. Die Kanzlerin taucht während ihrer Reise in eine Welt ein, in der ein mit enormer Macht ausgestatteter Staatspräsident Xi sein Verständnis des Chinese Dream umsetzt. China soll seinen Wohlstand dauerhaft sichern, und damit auch die Spielregeln der künftigen Weltordnung mitgestalten. Diesem Ziel dienen Initiativen wie die Seidenstraßenstrategie (One Belt, One Road), die Gründung einer Asian Infrastructure Investment Bank und einer New Development Bank oder dem chinesischen Äquivalent zur deutschen Industrie 4.0, „Made in China 2025“.

Das alles ist hinreichend bekannt und bedarf keiner Erläuterung. Aber es gibt auch eine Reihe von Reforminitiativen, die weniger bekannt, aber gleichwohl interessant sind und ein Licht auf den Umbruch in der chinesischen Gesellschaft werfen. Hier einige Beispiele:

  1. Ganz taufrisch: Neue Zielsetzungen für Wissenschaft und Technologie. Am 31 Mai 2016 wurden in Peking gleich vier mehrtägige Konferenzen eröffnet, auf denen diskutiert und geplant wurde, wie China bis 2030 zu einer führenden Innovationsgesellschaft aufsteigen kann. Regierungsbeamte aus allen Provinzen wurden zur Teilnahme verpflichtet. Heißt: Ihre politische Karriere wird schon bald daran gemessen, ob es ihnen gelingt, Standorte aufzubauen, die sich im Qualitätswettbewerb mit Nationen wie Deutschland und den USA behaupten. Im Gegenzug hat Xi in seiner programmatischen Rede angedeutet, dass eine Welle von Exzellenzinitiativen und Förderinitiativen für innovative Unternehmen (Champions) bevorsteht. Zudem sollen Wissenschaftler mehr Forschungsfreiheiten erhalten.
  2. Da sich mit Spitzenforschung alleine noch keine Wirtschaftsmacht aufbauen lässt, hat Premier Li Keqiang kurz zuvor, im März 2016, das Leitbild des „Handwerklichen Geists“ Was für deutsche Ohren etwas blumig anmutet, ist tatsächlich die Aufforderung an Wirtschaft und Bildungssystem, sich grundlegend neu aufzustellen. „Immer bestrebt sein, Gutes noch besser zu machen; Genauigkeit, Fokus,  Gewissenhaft,  Korrekt auf eine handwerkliche Tätigkeit bezogen, um beste Qualität sicherzustellen,  beste Produkte herzustellen“. Li Keqiang weiss, dass die Realität in China anders aussieht. Chinesische Unternehmen operieren meist nach dem Prinzip: „Kleine Investition, kurze Periode, großer Gewinn“. Produktqualität bleibt dabei auf der Strecke. An dieser Einstellung haben sich fast alle internationalen Unternehmen in der Vergangenheit die Zähne ausgebissen, die mit chinesischen Unternehmen ein Joint Venture gründen wollten. Man kann nur hoffen, dass in China über die Jahre eine neue Generation an Unternehmern heranwächst, mit denen sich besser zusammenarbeiten lässt.
  3. Vielleicht am erstaunlichsten ist eine Reforminitiative, die gegenwärtig im chinesischen Erziehungsministerium anläuft. „Lernbegleitendes Reisen“ soll bereits im Schulalter eine neue Mentalität herbeiführen. Statt stumpf für bevorstehende Prüfungen auswendig zu lernen, sollen Lernprozesse mit praktischen Erlebnissen in Verbindung gebracht werden. Ein Lernen, das mit neuen Orten, Menschen und kulturellen Erfahrungen in Verbindung gebracht wird, und somit länger haften bleibt und mehr Kreativität schafft. Gegenwärtig wird dieser Ansatz lediglich in einigen Pilotstädten durchgeführt, aber in wenigen Jahren dürfte sich das auf das gesamte Bildungssystem niederschlagen.

China will seine Rolle in der Welt stärken. Und es sind genau solche kleinen und großen Reforminitiativen, die auf Dauer dieses Ziel verwirklichen. Man kann das in Deutschland aus der Brille des Konkurrenten sehen, der die eigenen Marktanteile reduzieren will.

Aber Hand aufs Herz: Der Aufstieg Chinas wird mit oder ohne Deutschland stattfinden. Die „goldenen Zeiten“ werden in dieser Form nicht wiederkommen. Zugleich wächst in China eine selbstbewusste Generation heran, mit der sich neue Geschäfte machen lassen. Wer sich in der Restrukturierungsphase als Kooperationspartner erweist, dürfte es anschließend sehr viel leichter haben. Politisch, wirtschaftlich und kulturell.