China marschiert weiter: Eine kleine Auswahl neuer Reforminitiativen

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Thomas Bonschab

Die Reise von Kanzlerin Merkel nach China ist auf deutscher Seite von vielen Sorgen begleitet. In diesen Tagen wird viel über die drohende Übernahme des Technologiekonzerns Kuka gesprochen. Aber die Liste der Sorgen ist länger. Gerade erst im April gab es eine Aussprache im Bundestag zur Lage der Stahlindustrie, bei der es sich in Wahrheit um eine Aussprache über die Konkurrenz aus China handelte. China hat ein neues NGO-Gesetz, das deutschen Stiftungen, Universitäten und NGOs die Suppe versalzt. Überhaupt ist die Stimmung gedämpft. Der Präsident der europäischen Handelskammer, Jörg Wuttke, wird nicht müde zu verkünden, dass die goldenen Zeiten für ausländische Investoren in China vorbei sind. ‚Party isch over!‘

Tatsächlich befindet sich China in einem tiefgreifenden Wandel. Die Kanzlerin taucht während ihrer Reise in eine Welt ein, in der ein mit enormer Macht ausgestatteter Staatspräsident Xi sein Verständnis des Chinese Dream umsetzt. China soll seinen Wohlstand dauerhaft sichern, und damit auch die Spielregeln der künftigen Weltordnung mitgestalten. Diesem Ziel dienen Initiativen wie die Seidenstraßenstrategie (One Belt, One Road), die Gründung einer Asian Infrastructure Investment Bank und einer New Development Bank oder dem chinesischen Äquivalent zur deutschen Industrie 4.0, „Made in China 2025“.

Das alles ist hinreichend bekannt und bedarf keiner Erläuterung. Aber es gibt auch eine Reihe von Reforminitiativen, die weniger bekannt, aber gleichwohl interessant sind und ein Licht auf den Umbruch in der chinesischen Gesellschaft werfen. Hier einige Beispiele:

  1. Ganz taufrisch: Neue Zielsetzungen für Wissenschaft und Technologie. Am 31 Mai 2016 wurden in Peking gleich vier mehrtägige Konferenzen eröffnet, auf denen diskutiert und geplant wurde, wie China bis 2030 zu einer führenden Innovationsgesellschaft aufsteigen kann. Regierungsbeamte aus allen Provinzen wurden zur Teilnahme verpflichtet. Heißt: Ihre politische Karriere wird schon bald daran gemessen, ob es ihnen gelingt, Standorte aufzubauen, die sich im Qualitätswettbewerb mit Nationen wie Deutschland und den USA behaupten. Im Gegenzug hat Xi in seiner programmatischen Rede angedeutet, dass eine Welle von Exzellenzinitiativen und Förderinitiativen für innovative Unternehmen (Champions) bevorsteht. Zudem sollen Wissenschaftler mehr Forschungsfreiheiten erhalten.
  2. Da sich mit Spitzenforschung alleine noch keine Wirtschaftsmacht aufbauen lässt, hat Premier Li Keqiang kurz zuvor, im März 2016, das Leitbild des „Handwerklichen Geists“ Was für deutsche Ohren etwas blumig anmutet, ist tatsächlich die Aufforderung an Wirtschaft und Bildungssystem, sich grundlegend neu aufzustellen. „Immer bestrebt sein, Gutes noch besser zu machen; Genauigkeit, Fokus,  Gewissenhaft,  Korrekt auf eine handwerkliche Tätigkeit bezogen, um beste Qualität sicherzustellen,  beste Produkte herzustellen“. Li Keqiang weiss, dass die Realität in China anders aussieht. Chinesische Unternehmen operieren meist nach dem Prinzip: „Kleine Investition, kurze Periode, großer Gewinn“. Produktqualität bleibt dabei auf der Strecke. An dieser Einstellung haben sich fast alle internationalen Unternehmen in der Vergangenheit die Zähne ausgebissen, die mit chinesischen Unternehmen ein Joint Venture gründen wollten. Man kann nur hoffen, dass in China über die Jahre eine neue Generation an Unternehmern heranwächst, mit denen sich besser zusammenarbeiten lässt.
  3. Vielleicht am erstaunlichsten ist eine Reforminitiative, die gegenwärtig im chinesischen Erziehungsministerium anläuft. „Lernbegleitendes Reisen“ soll bereits im Schulalter eine neue Mentalität herbeiführen. Statt stumpf für bevorstehende Prüfungen auswendig zu lernen, sollen Lernprozesse mit praktischen Erlebnissen in Verbindung gebracht werden. Ein Lernen, das mit neuen Orten, Menschen und kulturellen Erfahrungen in Verbindung gebracht wird, und somit länger haften bleibt und mehr Kreativität schafft. Gegenwärtig wird dieser Ansatz lediglich in einigen Pilotstädten durchgeführt, aber in wenigen Jahren dürfte sich das auf das gesamte Bildungssystem niederschlagen.

China will seine Rolle in der Welt stärken. Und es sind genau solche kleinen und großen Reforminitiativen, die auf Dauer dieses Ziel verwirklichen. Man kann das in Deutschland aus der Brille des Konkurrenten sehen, der die eigenen Marktanteile reduzieren will.

Aber Hand aufs Herz: Der Aufstieg Chinas wird mit oder ohne Deutschland stattfinden. Die „goldenen Zeiten“ werden in dieser Form nicht wiederkommen. Zugleich wächst in China eine selbstbewusste Generation heran, mit der sich neue Geschäfte machen lassen. Wer sich in der Restrukturierungsphase als Kooperationspartner erweist, dürfte es anschließend sehr viel leichter haben. Politisch, wirtschaftlich und kulturell.

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