Mit Paul Romer zurück zur US-dominierten Weltbank?

 

Helmut Reisen:

Mit Paul Romer zurück zur US-dominierten Weltbank?

Es ist seit Montag (18. Juli) offiziell: Paul M. Romer, der Begründer der Theorie des endogenen (statt neoklassischen) Wachstums und Verfechter von Sonderzonen („charter cities“) wird neuer Chefökonom der Weltbank. Die Begeisterung über diese Personalie war nahezu einhellig. Danny Quah (LSE und Leee Kuan Yew School), der selbst in jungen Jahren maßgeblich zur endogenen Konvergenztheorie beitrug, postete auf Facebook und Twitter:

„For World Bank Chief Economist, Paul Romer – brilliant deep thinker, fully engaged with humanity’s largest challenges. The International Financial Architecture makes an inspired choice.”

Willem H Buiter (nicht nur Chefökonom Citibank) sekundierte im selben Post: „A really great choice! There may be hope for the World Bank after all …”.

Guy Pfeffermann (früher Chefvolkswirt der IFC) begegnete meiner Skepsis über die Wahl Romers – wir bewegen uns noch immer in der Facebook-Welt (ja, wir werden älter…) – mit dem Hinweis, den wohl fast jeder teilten kann: „Oh, I don’t know, Helmut. I very much like the emphasis on ideas and their diffusion as a growth factor.”

Mit der Wahl Romers kann sich die Weltbank stärker als Wissensbank herausstellen und in der multilateralen Fauna differenzieren. Es war Paul Romer, der die Wachstumstheorie mit der Endogenisierung von Wissen und Ideen bereicherte, anstatt Humankapital nur als exogene Residualgröße zu verbuchen.  Folglich sollten sich offene Volkswirtschaften, deren Institutionen und Sozialmodell die Verbreitung von Wissen fördern, rascher und dauerhaften wachsen. Von dort zur Betonung Romers  der Entwicklungsrolle von neuen Städten in armen Ländern („Charter Cities“), abgeleitet von den Entwicklungserfahrungen der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong und der chinesischen Sonderzone Shenzhen, war es nur ein kleiner Schritt[1]. Was Romer neuentdeckte, kennen wir aus dem Mittelalter: „Stadtluft macht frei“.

Vereinzelt wurde die Wahl kritisiert. Allerdings wirkt der Vorwurf, die Betonung der Rolle Hongkongs sei Neokolonialismus, etwas an den Haaren herbeigezogen[2].

Ich persönlich finde es schade, dass die Weltbank die neue Tradition, einen renommierten Ökonomen aus den Schwellenländern für den Posten des Chefökonomen zu nominieren, schon wieder abbricht. Nach dem Pariser Verteilungsexperten François Bourguignon, mit dessen Wahl die Bank ihren Schwerpunkt auf die Armutsbekämpfung unterstrich, holte sie die chinesischen und indischen Entwicklungsökonomen Justin Yifu Lin und Kaushik Basu nach DC. Lin war bislang der einzige Chefökonom der Weltbank, der nicht aus nordamerikanischen Universitäten kam.

Nach Weltneuvermessung schmeckte insbesondere die Wahl Justin Lins: nicht nur ökonomisch und politisch, sondern auch paradigmatisch. Ich vermute, die Wahl eines US-Amerikaners könnte auch mit der multilateralen Fragmentierung erklärt werden. Die Gründung der AIIB war ein von den USA lange gebremster Versuch Chinas, aus der US-Dominanz der multilateralen Entwicklungsbanken auszubrechen. Trotz anderslautender Rhetorik kehrt die Weltbank mit der Wahl Romers vielleicht wieder etwas in die alte Welt der US-Dominanz zurück.

[1] The Economist, “The World Bank hires a famous contrarian”, 18. Juli 2016.

[2] Norbert Häring, The World Bank on the way back to the Washington Consensus – with Chicago Boy Paul Romer, 19. Juli 2016

 

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Ein Brexit würde sich auf das Wachstum in Afrika auswirken

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SRF 4 News aktuell – Schweizer Radio und Fernsehen 21.6.2016

http://www.srf.ch/play/radio/srf-4-news-aktuell/audio/ein-brexit-wuerde-sich-auf-das-wachstum-in-afrika-auswirken?id=6ff4fd3b-e2e9-4ac2-abd2-8b0dec97e9c2

Ganz Europa diskutiert derzeit, welche Folgen ein Brexit haben könnte. Auch für Afrika könnte ein Brexit Folgen haben. Durch das niedrigere Wachstums in der EU und Großbritannien wird sich auch das Wachstum in Afrika verlangsamen. Die stärkere Abwertung des britischen Pfundes gegenüber dem Euro wird ebenfalls Folgen für Afrika haben.

Die Handelsbeziehungen zwischen der EU und Afrika sind im Cotonou-Abkommen von 2000 geregelt. Dazu kommen eine Reihe von sogenannten Wirtschaftspartnerabkommen der EU mit den regionalen Wirtschaftsgemeinschaften – beispielsweise mit der westafrikanischen ECOWAS oder der ostafrikanischen EAC. In den Verträgen sind gegenseitige Vergünstigungen beim Austausch von Waren und Dienstleistungen vereinbart.

Der Brexit würde die vertraglichen Bedingungen der Handelsbeziehungen zwischen Europa und Afrika zwar zunächst grundlegend verändern, sagte Afrika-Experte Robert Kappel vom Hamburger GIGA-Institut kurz vor der Abstimmung. „Aber ich gehe davon aus, dass die britische Regierung im Falle eines Austritts ganz pragmatisch vorgehen wird und die Verträge im Rahmen des Cotonou-Abkommen weiter bestehen lassen wird“.

Brexit: Chance oder Gefahr für Afrika? | Afrika | DW.COM | 18.06.2016

http://www.dw.com/de/brexit-chance-oder-gefahr-f%C3%BCr-afrika/a-19336756

Interviews mit Robert Kappel. Er forscht am Giga-Institut in Hamburg zur wirtschaftlichen Beziehung zwischen der EU und Afrika.