Jobs für Afrikas Jugend

Jobs für Afrikas Jugend

Helmut Reisen

Afrika war nie ein politischer Schwerpunkt deutscher Bundeskanzler. Zwar hat das Bundeskanzleramt seit dem G8-Gipfel in Genua 2001 einen Afrikabeauftragten, doch hat Günter Nooke sein Büro nicht etwa im Zentrum der Berliner Macht. Der Afrikabeauftragte von Angela Merkel sitzt nicht im Bundeskanzleramt, sondern abseits im BMZ.

Mit dem Flüchtlingsansturm nach Deutschland, der bislang aus Nahost gespeist wurde, ist Afrika nun aber ins Zentrum des politischen Interesses gerückt. In der deutschen Präsidentschaft der 20 großen Industrie- und Schwellenländer (G 20) im nächsten Jahr soll Afrika eine wichtige Rolle spielen. Merkel startet an diesem Sonntag zu einer dreitägigen Reise nach Mali, Niger und Äthiopien, Drehkreuze der Migration junger Afrikaner nach Europa. Sie will sich dabei für Stabilität und bessere wirtschaftliche Entwicklung einsetzen, um Fluchtbewegungen nach Europa zu vermeiden.

Eine wesentliche Flüchtlingsursache ist die Jugendarbeitslosigkeit im jüngsten Kontinent der Welt. Der kürzlich vorgestellte Bericht der ILO, World Employment and Social Outlook 2016, Trends for Youth, zeigt für 70% der Jugend (bis 24 Jahre) Schwarzafrikas eine Armutsquote von unterhalb $3,10/Tag an. Knapp 40% der afrikanischen Jugend sind nach eigenen Aussagen wanderungsbereit.

Allein in den kommenden zehn Jahren werden 130 Millionen Menschen auf dem Kontinent auf den Arbeitsmarkt drängen.

Es ist zu hoffen dass die Berater der Bundeskanzlerin sich mit dem African Economic Outlook 2012 (Promoting Youth Employment in Africa) vertraut gemacht haben, der wirtschaftspolitische Empfehlungen zur Förderung der Beschäftigung afrikanischer Jugendlicher herausgearbeitet hatte. Der Hauptautor, Jan Rieländer, hatte kurz darauf in der Huffington Post die wesentlichen Vorschläge auf Deutsch aufgeführt. http://www.huffingtonpost.de/oecd-berlin/schwere-zeiten-hohe-arbeitslosenraten-geisseln-die-jugend-in-afrika_b_5681057.html. Es sei hier nochmal an diese erinnert.

Erste wichtige Erkenntnis: Steigende Einkommen in Afrika schützen nicht vor einem Massenexodus ihrer Jugend. Erstaunlicherweise haben die ärmsten afrikanischen Länder weniger Jugendarbeitslosigkeit als reichere Staaten. Je mehr Geld die Menschen zur Verfügung haben, desto eher kaufen sie internationale Marken statt regionaler Produkte. Gerade diese einfachen, lokalen Erzeugnisse aber sind es, mit deren Herstellung sich die Menschen in vielen Gegenden über Wasser halten. So paradox es klingt, steigende Einkommen beeinflussen die Jugendarbeitslosigkeit noch in anderer Weise: Familien können es sich leisten, ihre Kinder stärker als bisher zu unterstützen. Diese wiederum sind bei der Jobsuche wählerischer als Vorgängergenerationen – und umso frustrierter, wenn der erhoffte „gute“ Job nicht kommt.

Zweite Erkenntnis: Die Erwartungen junger Afrikaner an einen Job sind oftmals nicht realistisch. Eine Umfrage des Gallup-Instituts zeigt, dass junge Nordafrikaner eher nach Anstellungen im öffentlichen Sektor als in der Privatwirtschaft streben. Schon heute sind die Beschäftigungszahlen im öffentlichen Sektor hoch. Afrikas Regierungen können kaum all die öffentlichen Stellen schaffen, auf die die Menschen in ihren Ländern hoffen. Aber sie können die Privatwirtschaft dazu anregen, Arbeitsplätze zu kreieren.

Dritte Erkenntnis: Unterstützt die unzähligen kleinen Firmen des Kontinents. Zwar sind große, oft internationale Konzerne, wichtige Arbeitgeber, aber es gibt viel zu wenige davon. Der Großteil der Jobs entsteht in Einmann-Unternehmen – vom lokalen Möbelbauer, über den Reparaturbetrieb bis hin zum Computer- oder Internetdienstleister. Viele dieser Unternehmen sind zwar nicht registriert, zeigen aber Potenzial und erwirtschaften jedes Jahr eine zweistellige Rendite. Es gibt eine Reihe von Dingen, die Regierungen in Afrika tun können, um diesen Geschäftsleuten das Leben zu erleichtern. So muss sich beispielsweise die Einstellung der Regierungen zu kleinen Unternehmen ändern. Statt den Unternehmern des informellen Sektors Steine in den Weg zu legen, sollten die Behörden Hilfe und Anreize geben, deren Geschäft zu registrieren.

Vierte Erkenntnis: Die Sozialversicherung muss besser auf die Bedürfnisse kleiner Geschäftsleute abgestimmt werden. Mit einem funktionierenden sozialen Sicherungssystem könnten es sich die Besitzer informeller Unternehmen leisten, ihre Einnahmen ins Geschäft zu investieren, statt sie für unvorhergesehene Not- und Krankheitsfälle anzusparen.

Fünfte Erkenntnis: Regierungen könnten den finanziellen Druck von Kleinunternehmern auch dadurch mindern, dass sie Anreize für Banken setzen, Kredite auszugeben. Für viele einfache Geschäftsleute in Afrika ist es fast unmöglich, Finanzierungen zu erhalten, die über Mikrokredite hinausgehen. Ohne mittelgroße Kredite fällt es den meisten Unternehmern aber schwer, ihre Firmen zu vergrößern. Für Banken allerdings sind Kunden, die eine kleine fünfstellige Summe benötigen, nicht interessant. Sie machen mehr Geld mit großen Firmen. Hier können Regierungen vorteilhaftere Rahmenbedingungen durchsetzen.

Sechste Erkenntnis: Auch die Infrastruktur spielt für Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens eine wichtige Rolle. Ohne eine verlässliche Stromversorgung können weder eine Näherei noch ein Internetdienstleister bestehen, und um Handel zu treiben, braucht es Straßen, die während der Trockenzeit genauso zu befahren sind wie in Zeiten starken Regens.

Siebte Erkenntnis: Der Schlüssel zur Arbeit für junge Leute liegt aber mindestens ebenso sehr in ihrer Ausbildung. Regierungen müssen den Rahmen dafür schaffen, dass ihre Jugend die Fähigkeiten erlangt, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Afrika hat ein boomendes Universitätswesen gerade in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern; die Firmen aber suchen nach Personal, das Maschinen bedienen und Herstellungsprozesse begleiten kann. Auf der anderen Seite erleben gerade jene jungen Afrikaner, die von einem traditionellen Meister ein Handwerk lernen, dass ihre Ausbildung nicht anerkannt wird. Hier sind die Schulen in der Pflicht: Selbst ohne die klassische duale Ausbildung nach deutschem Vorbild nachzuahmen – jungen Menschen und Arbeitgebern wäre gleichermaßen geholfen, wenn lokale Privatwirtschaft und Ausbildungsstätten stärker miteinander kooperieren würden.

Ob Frau Merkel noch die Zeit bleibt, diese Erkenntnisse zu verarbeiten und sie dann vor Ort überzeugend zu vermitteln? Wir sind gespannt!

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Veröffentlicht von

weltneuvermessung

Helmut Reisen ist ein international anerkannter Experte zu Schwellenländern, Entwicklungsfinanzierung und Währungspolitik. Der langjährige Forschungsdirektor des OECD-Entwicklungszentrums (bis September 2012) ist emiritierter Titularprofessor an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel und Assoziierter Wissenschaftler am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, Bonn.

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