Chinas Firmenaufkäufe und der SVR

Germany for sale

Chinas Firmenaufkäufe und der SVR, von Helmut Reisen

Warum sträubt sich ein Land gegen Direktinvestitionen und Übernahmen aus dem Ausland? In vielen Entwicklungsländern, vornehmlich in Lateinamerika, wurde die Frage dependenztheoretisch beantwortet: Die Investitionen multinationaler Unternehmen verfestigen die nachrangige Position der armen Peripherie in der Weltwirtschaft auch nach der Dekolonialisierung. In Industrieländern werden Übernahmen systematisch behindert, wenn nationale Sicherheitsinteressen, räumlich konzentrierte Arbeitslosigkeit und Reziprozitätsmaßnahmen vorliegen.

In seinem Jahresgutachten 2016/17 plädiert die Mehrheit des Sachverständigenrates zur Begutachtung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) für eine unilaterale Offenheit gegenüber chinesischen Investoren; in seinem Minderheitenvotum fordert Peter Bofinger dagegen im Einklang mit der deutschen Regierung Reziprozität bei Direktinvestitionen, eine Strategie des tit-for-tat („wie Du mir, so ich Dir“).

Die Strategie der reziproken Liberalisierung wurde vom Spieltheoretiker Robert Axelrod (1984) entwickelt. Anlass waren vor gut drei Jahrzehnten die japanischen Direktinvestitionen, die in den USA und Europa protektionistische Diskriminierungsreflexe stimulierten. Heute wie damals lädt die Strategie der reziproken Öffnung des Kapitalverkehrs zu Vergeltungsmaßnahmen ein, die im Falle des riesigen Absatzmarktes Chinas der deutschen Industrie sehr schaden können.

Vergeltungsmaßnahmen sind bei wissensintensiven High-Tech-Industrien besonders wahrscheinlich. Die meisten Politiker betrachten die Hi-Tech-Ansiedlung in den eigenen Grenzen als Angelegenheit von ´ strategischer´ Bedeutung. Sicherheitspolitische Bedenken verstärken die Abwehrreaktionen, wenn Staatsunternehmen als Käufer auftreten, heute besonders im Falle der chinesischen Staatsunternehmen. Der Widerstand vieler Medien und Politiker gegen lobbyistische Einflüsterungen fällt daher entsprechend niedrig aus. Dieser Abwehr steht allerdings der Einwand entgegen, dass bei hohem Wettbewerbsgrad und niedrigen Umstellungskosten in rüstungsnahen Bereichen die sicherheitspolitischen Begründung von Übernahmeverboten wegfällt.

Dieser Beitrag plädiert für einen mittleren Weg zwischen Mehrheits- und Minderheitenvotum des Sachverständigenrates. Er erarbeitet Kriterien für eine Einzelfallprüfung und für reziproke Öffnung bei chinesischen Direktinvestitionen, welche gegen die potenziell hohen Kosten durch chinesische Vergeltungsmaßnahmen abzuwägen sind. Ein Beispiel: Der restriktive Genehmigungsprozess Chinas im Rahmen des ´National Security Review´ wurde erst als Antwort auf das amerikanische System des CFIUS eingeführt. Das Committee of Foreign Investment in the United States (CFIUS) ist ein ressortübergreifender Ausschuss der US-Regierung zur Kontrolle von Auslandsinvestitionen.

In Einklang mit der inzwischen vorherrschenden Lehrmeinung hat China seinen Kapitalverkehr graduell (anstatt abrupt) liberalisiert. Der Restriktionsindex der OECD ermittelt Eigentumshindernisse, Genehmigungsbarrieren, Personalvorschriften und weitere Restriktionen wie auf Landerwerb und Gewinnrückführungen.  Seit 2005 misst dieser Index, der von 0 (völlig offen) bis 1 reicht (abgeschottet),  einen Rückgang von 0,56 bis auf zuletzt 0,38 Indexpunkte. Es ist auffällig, dass die Forderungen nach Reziprozität bei Firmenübernahmen zugenommen haben, obwohl der Restriktionsindex der OECD für China eine graduelle Öffnung anzeigt.

Deutschland, nicht China, hat in den letzten Jahren laut dem 20. Global Trade Alert (GTA) Bericht die Öffnung seiner Außenwirtschaft deutlich eingeschränkt. Protektions-Ranking der G20-Staaten – die Anzahl protektionistischer Maßnahmen seit dem ersten G20-Gipfel im November 2008 weist Deutschland Platz 6 von 20 zu. Im Gegensatz dazu haben es nur Argentinien und China unter den G20-Staaten unterlassen, den Protektionsgrad ihrer Außenwirtschaft in den Jahren 2015/16 zu verschärfen. Laut GTA-Bericht ist China von Deutschlands Protektionsmaßnahmen am meisten betroffen: Seit November 2008 wurde China durch Deutschland mit mehr als 60 Protektionsmaßnahmen überzogen. Bundeswirtschaftsminister Gabriels retroaktive Rücknahme einer Übernahmeerlaubnis ist auch kompatibel mit einer weiteren Beobachtung des GTA-Berichts: Der wirtschaftspolitische Unsicherheitsindex diagnostiziert für Deutschland eine seit 2008 noch nie gemessene Erratik in der Periode 2015-16.

Seitdem Adam Smith seinen Wohlstand der Nationen im Jahr 1776 veröffentlichte, hat die vorherrschende Lehrmeinung die unilaterale Öffnung der reziproken Liberalisierung vorgezogen. Der SVR begründet sein Plädoyer für offene Kapitalmärkte auch im Hinblick auf chinesische Staatsunternehmen mit dem Theorem des „Free Trade for One“. Es kann allerding mit einem von Henning Klodt vorgestellten Handelsmodell gezeigt werden, dass ein genereller Unilateralismus schaden kann.

Das Handelsmodell identifiziert drei Bedingungen, die gleichzeitig vorliegen müssen, damit Deutschland ein Schaden durch ausländische Firmenaufkäufe erwächst:

  • Die Übernahmen lösen einen Technologietransfer aus,
  • verschlechtern die Austauschraten des Deutschlands und
  • Deutschland war Nettoausfuhrland in der Branche des übernommenen Unternehmens.

Regelgebundene Zulassungsverfahren für Unternehmenskäufe durch das Ausland sollten sicherstellen, dass diese drei Bedingungen alle vorhanden sind, bevor eine Untersagung ins Auge gefasst wird. Diese Bedingungen vermeiden auch Diskriminierungen bestimmter Staaten wie China, folglich auch willkürliche Staatseingriffe und handelspolitische Zerwürfnisse. Die bilaterale Beurteilung von Chinas kommerzieller Fairness verlottert leicht zu wohlfeiler Selbstgerechtigkeit. Die Strategie des tit-for-tat, die bei Deutschlands  Politikern und Lobbyisten derzeit viel Anklang findet, wird leicht durch protektionistische Kräfte gekapert. Mit der Globalisierung seit kurzem auf dem Rückzug, sollte im Zweifel der unilateralen Offenheit der Vorzug gegeben werden.

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Rise of the „African Mittelstand“

Robert Kappel

Rise of the „African Mittelstand“

GIGA Focus | Africa | Number 05 |November 2016 | ISSN 1862-3603

On the African continent, a few powerful large companies dominate, and there is an overwhelming number of mostly informal micro- and small businesses; however, African entrepreneurship is diverse and increasing urbanisation has been accompanied by the emergence of modern enterprises, which constitute an “African Mittelstand.”

  • The rise of an entrepreneurial Mittelstand in Africa is being fuelled by the growing income of the middle classes in Africa’s cities, where industrial clusters are developing. Many Mittelstand enterprises have even managed to integrate themselves into global or regional value chains.
  • Engineers and skilled workers are particularly important for industrial innovation processes and for the development of an “African Mittelstand.” In the urban centres, companies can draw on a growing pool of skilled workers.
  • Both Uganda and Nigeria have a rather small middle classes and low numbers of Mittelstand enterprises, whereas Tunisia has a very large middle class. Nevertheless, large export-oriented enterprises are prevalent in Tunisia, and its Mittelstand is extremely small.
  • Due to numerous obstacles, a Mittelstand cannot develop optimally in Africa. These hindrances include inadequate financial and legal systems, a lack of electricity and water supply, and a system of “favouritism,” whereby large enterprises receive government contracts, while small and medium-sized enterprises are usually awarded nothing.

Policy Implications

In Africa the expansion of modern entrepreneurship in its growing urban centres and the increasing purchasing power of its middle classes could initiate growth momentum, which would also lead to higher employment. However, this will require that governments promote the development of industrial clusters and eliminate the numerous obstacles facing small and medium-sized enterprises.

US-amerikanische Afrikapolitik: Von Bush zu Obama und Trump

US-amerikanische Afrikapolitik: Von Bush zu Obama und Trump

Robert Kappel, 16.11.2016

Sommer 2016 638

Die amerikanische Afrikapolitik unter Präsident Obama stellt eine einzige Enttäuschung dar, so urteilt beispielsweise Nicolas van de Walle (2016), einer der besten Kenner Afrikas und der amerikanischen Afrikapolitik. An seine Amtszeit wurden viele Hoffnungen geknüpft, doch Afrika hat vor allem aufgrund der sehr asymmetrischen Beziehungen mit den USA nach wie vor einen relativ geringen Stellenwert. Afrikas Anteil am Handel der USA liegt unter 0,5%, und die Direktinvestitionen sind aus US-amerikanischer Perspektive recht unbedeutend. Militärisch sind die USA kaum an Afrika interessiert. Zugleich spielen die USA aber aus afrikanischer Sicht oft eine große Rolle, zum Beispiel als zweitwichtigster Investor und als wichtigstes Geberland von Entwicklungshilfe. Insgesamt kann die amerikanische Afrikapolitik als „low level“-Politik charakterisiert werden. Welche Relevanz Afrika für die USA hat, zeigt sich auch daran, dass die diplomatische Präsenz der USA in Afrika und die administrativen Kapazitäten des Afrikareferats in Washington reduziert wurden. Es wird weniger Geld für die diplomatischen und geheimdienstlichen Vertretungen ausgegeben, wodurch viele Botschaften unterausgestattet sind. Erweitert wurden jedoch die Wirtschaftsnetze mit Afrika durch den Aufbau zahlreicher Handelsmissionen.

Nach dem Amtsantritt von Präsident Obama gab es zunächst Hinweise für ein wachsendes amerikanisches Engagement in Afrika. Dies hatte vor allem mit drei Entwicklungen zu tun: (1) der Zunahme der terroristischen Aktivitäten auf dem Kontinent; (2) den überdurchschnittlichen Wachstumsraten in Afrika, weshalb US amerikanische Firmen ihr Portfolio in der Region erweiterten; (3) der weitverbreitete Armut und der soziale Krisen auf dem Kontinent, die zu Flucht und Migration führten.

Bereits im Jahr 2007 hatte das US-Verteidigungsministerium ein Afrikakommando (U.S. AFRICOM) geschaffen, das während der Amtszeit von Präsident Obama den Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus im Sahel und am Horn von Afrika koordinierte. Die USA unterstützten den Kampf gegen Boko Haram, Al Shabab und Terrororganisationen in Niger und Mali. Seit 2014 baute das State Department ein Drohnenprogramm mit Basen in Äthiopien, Niger, Kenia und Dschibuti auf und setzte Drohnen bspw. über Somalia ein. Militärische und geheimdienstliche Aktivitäten gibt es auch im Tschad und auf den Seychellen. Bei anderen Konflikten haben die USA eine vermittelnde Rolle eingenommen und sich um eine Verhandlungslösung bemüht, wie beispielsweise im Südsudan und Sudan. An den Großen Seen haben die USA die Friedensmissionen der Vereinten Nationen unterstützt und humanitäre Hilfe gewährt sowie versucht, zur Stabilisierung Ruandas und des Kongo beizutragen. Maßnahmen zur Förderung von Demokratie, der Unterstützung militärischer Ausbildung und die Beteiligung an Friedensprozessen in Côte d’Ivoire und dem Sudan werden als positive Beispiele des US-amerikanischen Engagements in Subsahara-Afrika gewertet. Inwieweit die USA den Einsatz gegen Terror und die organisierte Kriminalität in Afrika fortführen werden, bleibt unklar. Es ist nicht absehbar, ob Präsident Trump mit seiner anti-muslimischen Rhetorik und seiner Aussage, im Kampf gegen den Terror eine harte Linie zu fahren, tatsächlich eine neue strategische Militärpolitik in Afrika begründet.

Die wichtigste Neuausrichtung in der Afrika-Politik während der Amtszeit von Obama wird jedoch in der verstärkten wirtschaftlichen Zusammenarbeit der USA mit Afrika gesehen. US-Präsident Barack Obama kündigte auf dem Afrika-Gipfels in Washington im Jahr 2014 an, die Investitionen von US-Unternehmen zu unterstützen: Er forderte die afrikanischen Staaten auf, mit Rechtsstaatlichkeit und dem Kampf gegen Korruption die Rahmenbedingungen für mehr Investitionen zu verbessern. Ausdruck dieser vertieften Wirtschaftskooperation mit Afrika ist die starke Zunahme des Handelsaustauschs seit dem Jahr 2010: Das Volumen des Handels zwischen den USA und Subsahara-Afrika übersteigt mittlerweile bei weitem das US-Budget für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit. So beliefen sich die Exporte im Jahr 2015 auf USD 17,8 Milliarden (2014 USD 25,5 Milliarden) und die Importe auf USD 18,9 Milliarden (2014: USD 26,8 Milliarden) (https://ustr.gov/countries-regions/africa). Damit sind die USA nach Europa und China der drittwichtigste Handelspartner Afrikas. Große Bedeutung kommt auch den US-amerikanischen Investitionen auf dem Kontinent zu. Nach Großbritannien (9%) verfügen die USA mit 8,6% über die höchsten Bestände an Investitionen in Afrika (Nordafrika plus sub-Sahara Afrika). Gegenüber 2009 ist der Anteil der USA an den Neuinvestitionen von 7,4% (2009) auf knapp 10% (2015) gestiegen.

Kurz vor seinem Ablauftermin am 30.9.15 wurde der bereits 2000 verabschiede African Growth and Opportunity Act (AGOA) bis ins Jahr 2025 verlängert. Von den unilateral gewährten US-Zollbefreiungen profitieren etwa 40 südlich der Sahara gelegene Länder Afrikas. Die Liste der AGOA-Präferenzprodukte ist weit gefasst, wozu auch verschiedene Textilerzeugnisse und Bekleidung gehören. Nichtsdestotrotz macht Erdöl mit einem Anteil von knapp 70% den Löwenanteil des zollfreien US-Imports aus AGOA-Ländern aus. Die Trump-Regierung wird diesen Vertrag voraussichtlich nicht ändern, auch wenn viele afrikanische Experten genau dies befürchten. Die afrikanischen Staaten können sogar von Trumps protektionistischer Handelspolitik indirekt profitieren. Wenn das TTIP-Abkommen mit der Europäischen Union nicht zustande kommt, würden die für Afrika prognostizierten Import- und Exportreduktionen nicht auftreten.

Es gibt Signale aus dem Trump-Umfeld, dass die neue US-Regierung in der Entwicklungszusammenarbeit die Weichen anders stellen und weniger Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen wird. Die Republikaner sind überwiegend der Meinung, dass Entwicklungshilfe schädliche Folgen und keinerlei Nutzen für Amerika hat. Unter anderem könnte das von Noch-Präsident Barack Obama initiierte Projekt „Power Africa“ auf der Kippe stehen. Ziel war es, 60 Millionen Menschen Zugang zu Elektrizität zu verschaffen. Hierzu sollen bis 2018 rund sieben Milliarden Dollar in den US-Haushalt eingestellt werden.

Kritiker der US-amerikanischen Afrikapolitik beklagen die geringe Kohärenz von Sicherheitspolitik (und dem Kampf gegen den Terrorismus) und Wirtschafts- und Entwicklungspolitik (van de Walle 2016). Zu viele Programme würden parallel und von verschiedenen Ministerien und halb-staatlichen Organisationen gefahren. Die institutionelle und programmatische Zersplitterung der US-Afrikapolitik sei dadurch größer worden. Letztlich fehlt der US-amerikanischen Afrikapolitik eine übergreifende strategische Vision für die Region. Immer wieder wurden auch die propagierten Prinzipien „gute Regierungsführung“ (good governance) und Demokratie wegen wirtschaftlicher und militärischer Interessen hintangestellt, vor allem bei als wichtig erachteten Partnern wie etwa Uganda, Kenia, Angola und Äthiopien. Es ist wegen seiner vor allem nach Innen gerichteten Maßnahmen vorerst nicht zu erwarten, dass Präsident Trump Initiativen für eine Afrikapolitik starten wird. Dies hat vor allem besonders gravierende Auswirkungen für Afrika. Wenn Trump seine Ankündigung wahrmacht, den Klimavertrag zu kündigen, würden die USA – als größter globaler Umweltverschmutzer und besonders verantwortlich für die Klimaerwärmung – Afrikas bereits große Umweltprobleme weiter verschärfen. Die Begrenzung der Einwanderung aus Afrika gehört zum Arsenal des „America First“ und wird dazu beitragen, dass Afrika sich wieder mehr Europa und vor allem China zuwendet.

Literatur

Nicolas van de Walle (2016), Obama and Africa. Lots of Hope, Not Much Change, in Foreign Affairs 94, 5: 54-61.

GIGA Focus Global: https://www.giga-hamburg.de/de/publication/donald-trump-und-das-aussenpolitische-erbe-von-barack-obama

Blogbeitrag

Robert Kappel (2016), Holen die BRICS auf? Auslandsdirektinvestitionen in Afrika – eine empirische Darstellung, Blog Weltneuvermessung, 12.8.2016 https://weltneuvermessung.wordpress.com/2016/08/12/holen-die-brics-auf-auslandsdirektinvestitionen-in-afrika-eine-empirische-darstellung/

Audiobeiträge:

GIGA Forum Hamburg, 17.11.2016: Nach Obama. US Außenpolitik im Wandel

https://www.giga-hamburg.de/de/veranstaltung/nach-obama-us-aussenpolitik-im-wandel

JournAfrica 17.11.2016: Die Welt nach der Wahl – was bedeutet Trump für Afrika?

https://community.journafrica.com/die-welt-nach-der-wahl-was-bedeutet-trump-fuer-afrika-104

 

Weltreise mit Hindernissen – Warum vor allem Chinas Mittelständische Unternehmen Schwierigkeiten haben, sich global zu integrieren

Weltreise mit Hindernissen – Warum vor allem Chinas Mittelständische Unternehmen Schwierigkeiten haben, sich global zu integrieren

Autor: Thomas Bonschab, Fassung, 23.10.2016

Während Chinas Wachstumsraten auf moderate 5-6% abgesunken sind und die Weltwirtschaft darüber in Nervosität verfallen ist, scheinen chinesische Mergers & Akquisition in Übersee nicht abzureißen. 2015 haben die Unternehmensaufkäufe bzw. Unternehmenspartnerschaften bereits ein erstaunliches Volumen von 100 Milliarden US Dollar erreicht. Eine Zahl, die 2016 bereits im ersten Quartal erreicht wurde. Die Marke von 200 Milliarden US Dollar dürfte in 2016 wohl locker geknackt werden.[1] Das gilt insbesondere, weil chinesische Unternehmen vor der zu erwarteten Abwertung des RMB möglichst viel in Fremdwährung einkaufen wollen, um ihr Geld sicher anzulegen.

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Das Verhältnis des sinkenden Wirtschaftswachstums zu geradezu explodierenden Unternehmenspartnerschaften- und aufkäufen ist nur auf den ersten Blick paradox. Es spiegelt vielmehr die ökonomische Restrukturierung, die durch den Kurs des „New Normal“ bewirkt werden soll. Es sind vor allem die vielen chinesischen Unternehmen in den dynamischen Regionen des Perlfluss Delta und des Yangtse Delta – der ehemaligen „Werkbank der Welt“ – die westliche Technologie regelrecht verschlingen wollen, um sie für die dringend benötigte Modernisierung der eigenen Industrie zu nutzen. Für die Unternehmen in diesen Regionen gilt: Ohne modernster Technologie und Internationalisierung ihrer Unternehmen kein künftiges Wachstum.

Die betroffenen chinesischen Unternehmen sind daher auch bereit, tief in die Tasche zu greifen. Zumindest tiefer als andere. Gegenüber westlichen Konkurrenten bieten sie in der Regel eine Aufschlagsprämie zwischen 10% – 15%. Warum?

Ganz bestimmt ist es nicht Großzügigkeit, die zu solchen Aufschlägen führt. Mangelnde Markterfahrung kommt der Sache schon näher. Von Chinas 500 größten Unternehmen verfügt lediglich ein Fünftel über Erfahrungen im internationalen M&A-Geschäft. Von den abertausenden mittelgroßen und ‚kleineren‘ Unternehmen (nach chinesischem Maßstab) nicht zu reden. Geschäfte mit solchen Unternehmen sind aus westlicher Sicht einfach riskanter und unkalkulierbarer als mit etablierten Wettbewerbern aus Europa oder den USA.

Das wird in selbstkritischen Kreisen in China inzwischen selbst so gesehen. Ein kürzlich ausgestrahlter Fernsehbericht des China Business Network (der Shanghai Media Group zugehörig, also der zweitgrößten Mediengruppe in China), der sich in den chinesischen Sozialmedien wie ein Lauffeuer verbreitete, liefert hierzu ein paar ernüchternde Zahlen. Wie zum Beispiel, dass westliche und andere asiatische Akteure in der Regel etwa 85% ihrer M&A-Versprechen einlösen können, während es chinesische Unternehmen gerade einmal auf 65% bringen.[2]

Insofern sollte davon ausgegangen werden, dass eine Aufschlagsprämie von 10%-15% gegenüber Angeboten westlicher Wettbewerber zuweilen zwar Vorurteilen gegenüber China geschuldet sein mag, in erster Linie aber schlicht vorhandene Marktrisiken widerspiegelt. Nicht nur der Fall der Übernahme von KUKA hat gezeigt, dass selbst bei außerordentlich großzügigen Kooperationsangeboten viele westliche Unternehmen (wie auch die Politik) eine Technologiepartnerschaft mit chinesischen Unternehmen einfach ablehnen.[3] Die Angst, mit solchen M&A die eigene Technologie zu verlieren, ohne den erhofften Zugang zum chinesischen Binnenmarkt zu erhalten, ist einfach groß. Auch die aktuellen Übernahmen von Osram und Alba werden entsprechend kritisch beäugt.

Das ist noch die Sonnenseite. Weniger bekannt sind Erfahrungen, die deutsche mittelständischen Technologieunternehmen mit chinesischen Interessenten gemacht haben. Nicht selten wird hier geklagt über Vertragsbrüchigkeit, kalkulierte Fehlinformationen oder inakzeptable Unternehmenskulturen. Die Größe des chinesischen Marktes oder interne Unternehmensnotwendigkeiten mögen den deutschen Mittelstand nach China drängen. Vertrauen in die chinesischen Partner oder Freude an der Zusammenarbeit sind es meist nicht. Kaum ein deutsches Technologieunternehmen, das sein Glück in M&A mit China wirklich findet.

Für den chinesischen mittelständischen M&A-Interessenten dürfte eine Aufschlagsprämie von 10%-15% daher noch schmeichelhaft sein. Der Druck auf die Prämie liegt hier eher nach oben als nach unten, so lange die Risiken für westliche Unternehmen kaum überschaubar bleiben.

Mission Implausible: Industrieparks wie Sand am Meer

Chinesischen Behörden fällt der Umgang mit dieser Problematik noch schwer. Wer in den entsprechenden Regionen politische Karriere machen will, muss als Bürgermeister oder Parteisekretär internationale Technologiepartnerschaften vorweisen. Industrieparks und Industrieparkservicezonen schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Fast immer geht es auch darum, deutsche (mittelständische) Technologieunternehmen für Investitionen vor Ort oder Joint Ventures zu gewinnen. Viele deutsche Unternehmen können sich kaum retten vor – weitgehend gleichlautenden – Angeboten aus China, die mit einem Paket aus Steuererleichterung bzw. Steuerbefreiung, mietfreier Nutzung von Werkhallen und Bürogebäuden und anderen finanziellen Anreizen für den eigenen Standort locken. So richtig überzeugen kann das die überwiegende Vielzahl deutscher Unternehmen aber selbst dann nicht, wenn diese Standorte mit erheblicher Unterstützung deutscher Politik beworben werden. Sie wissen, dass sich ein business case kaum begründen lässt, so lange chinesische Unternehmen die Grundprinzipien internationaler Zusammenarbeit kaum befolgen bzw. überhaupt kennen. Diese Botschaft wird durch die Aufschlagsprämie vermittelt. Und da die große Welle chinesischer Investitionen in Deutschland und der EU noch bevorsteht, wird diese Botschaft in Zukunft vermutlich immer klarer vermittelt.

Was kann geändert werden?

Viele deutsch-chinesischen Großprojekte zur Ansiedelung von Industrie und zur Vermittlung von Technologiepartnerschaften sind entsprechend vor allem für den mittelständischen Bereich hinter den Erwartungen zurück geblieben.

Daher wächst die Bereitschaft bei einigen progressiven chinesischen Behörden, in die Aus- und Fortbildungen von Unternehmern zu investieren. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Firmenvorstände der ersten Generation, insbesondere aber deren Erben sowie Neugründer von Unternehmen. Gerade bei der Nachfolgegeneration lassen sich leichter neue Erwartungen und Standards erzeugen. Es gibt viel zu tun. Hier einige Favourites aus deutscher Sicht:

    1. Orientierung an gemeinsamen Geschäftsplänen: Es reicht einfach nicht, mit der Fahne des chinesischen Binnenmarktes zu winken. Es mag eine interkulturelle Anforderung an deutsche Verhandlungspartner sein, das Bedürfnis nach guter Stimmung und Einladungskultur ernst zu nehmen, aber auch nach erfolgreicher Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding entscheidet erst ein nach internationalen Standards verfasster Geschäftsplan, ob eine Investition getätigt werden kann oder nicht. Viele Entscheidungsträger auf chinesischer Seite sind in diesem Bereich nicht mit den gängigen Regeln vertraut.
    2. Beratungsdienstleistungen ernst nehmen: Rechtsberatung, Prozessberatung, professionelle Dolmetscherleistungen – solche Dienstleistungen werden besonders im chinesischen Mittelstand noch immer als überflüssig angesehen. Im Ergebnis führt diese Haltung zum Scheitern auch von potentiell aussichtsreichen Unternehmenspartnerschaften. Und diese Haltung ist teuer für alle Seiten, schon weil Scheitern teuer ist.
    3. Equal Playing Field für alle Unternehmen herstellen: Vielleicht die härteste Nuss, die es zu knacken gilt. Selbst Unternehmen chinesischer Herkunft diskriminieren untereinander. Ein Beispiel: In der Provinz Guangdong folgen Unternehmen mit der Zugehörigkeit zu Hakka, Kanton und Chaoshan unterschiedliche Spielregeln. Während einige Gruppierungen relativ neutrale Geschäftsbeziehungen aufbauen, wird im nächsten Fall alleine der eigenen Gruppierung vertraut. Hier gilt der Handschlag, nach Außen gelten Anstand und Vertrag wenig. Viele chinesische Unternehmen kommen kaum damit zurecht. Für deutsche Unternehmen ist der Misserfolg oft vorprogrammiert.
    4. Transparenz in die Prozesse bringen: Ob man mit der Privatwirtschaft oder mit Behörden arbeitet, die Regeln der Zusammenarbeit ändern sich permanent. Oft steckt dahinter kein böser Wille, sondern mangelnde Beschäftigung mit Prozessen. Für viele deutsche Unternehmen eine Geduldsprobe, die nicht gerade Vertrauen schafft.
    5. Realistische Erwartungen an Match Making: Kaum eine Erwartung chinesischer Unternehmensdelegation ist mehr aus dem Ruder geraten als die Erfolgsversprechungen von Veranstaltungen des Match Making. Deutsches Technologieunternehmen schicken ohnehin ungerne Entscheidungsträger zu solchen Veranstaltungen. Auch hier gilt wieder: Wenn eventuelle Partnerschaften nicht durch Beratungsdienstleistungen ernsthaft vorbereitet sind, handelt es sich in der Regel um Zeitverschwendung.
  • Fokus auf Etiketten aufgeben: Chinesische Zahlungsbereitschaft steigt überproportional mit den Namen, die man in den Ring wirft. Aus chinesischer Sicht zählt vor allem der Status der „Weltklasse“. Etwa Siemens im Technologiebereich, Harvard im Bildungsbereich. So erklärt sich auch manche Einbindung von elderly statesmen, die selten mehr gefragt sind als in China. Danach wird diskontiert, auch wenn es dem eigentlichen Anliegen zuträglicher ist. Die Fetischisierung auf Namen und Etiketten mag für den Verkauf deutscher Luxusprodukte entscheidend sein, für den Aufbau von Technologiepartnerschaften ist sie eher hinderlich.

China macht zunehmend seinen globalen Gestaltungsanspruch geltend und redet gerne von Win-Win-Situationen. Auf politischer Ebene hat die traditionell leistungsfähige Bürokratie bereits viel erreicht. Der chinesische Privatsektor jedoch hinkt deutlich hinterher, vor allem im Mittelstand. Daher sind Investitionen in die Mentalitätsveränderung chinesischer Unternehmer ein wichtiger Schritt. Und vielleicht der beste Hebel, um die vorhandenen Prämienaufschläge auf Dauer zu reduzieren.

 

[1] Vergleiche die offiziellen Projektionen des chinesischen Handelsministerium, MOFCOM: http://english.mofcom.gov.cn/article/newsrelease/policyreleasing/201602/20160201251488.shtml

[2]http://mp.weixin.qq.com/s?__biz=MzIzOTE3ODQwMQ==&mid=2657245687&idx=1&sn=11a6e70e8e4d85565b2c8cf4a2307a9e&mpshare=1&scene=5&srcid=1003AIzRAGiazwIVs1nDWt91#rd

[3] Siehe hierzu auch den Beitrag von Helmut Reisen auf diesem Blog: https://weltneuvermessung.wordpress.com/2016/06/