Weltreise mit Hindernissen – Warum vor allem Chinas Mittelständische Unternehmen Schwierigkeiten haben, sich global zu integrieren

Weltreise mit Hindernissen – Warum vor allem Chinas Mittelständische Unternehmen Schwierigkeiten haben, sich global zu integrieren

Autor: Thomas Bonschab, Fassung, 23.10.2016

Während Chinas Wachstumsraten auf moderate 5-6% abgesunken sind und die Weltwirtschaft darüber in Nervosität verfallen ist, scheinen chinesische Mergers & Akquisition in Übersee nicht abzureißen. 2015 haben die Unternehmensaufkäufe bzw. Unternehmenspartnerschaften bereits ein erstaunliches Volumen von 100 Milliarden US Dollar erreicht. Eine Zahl, die 2016 bereits im ersten Quartal erreicht wurde. Die Marke von 200 Milliarden US Dollar dürfte in 2016 wohl locker geknackt werden.[1] Das gilt insbesondere, weil chinesische Unternehmen vor der zu erwarteten Abwertung des RMB möglichst viel in Fremdwährung einkaufen wollen, um ihr Geld sicher anzulegen.

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Das Verhältnis des sinkenden Wirtschaftswachstums zu geradezu explodierenden Unternehmenspartnerschaften- und aufkäufen ist nur auf den ersten Blick paradox. Es spiegelt vielmehr die ökonomische Restrukturierung, die durch den Kurs des „New Normal“ bewirkt werden soll. Es sind vor allem die vielen chinesischen Unternehmen in den dynamischen Regionen des Perlfluss Delta und des Yangtse Delta – der ehemaligen „Werkbank der Welt“ – die westliche Technologie regelrecht verschlingen wollen, um sie für die dringend benötigte Modernisierung der eigenen Industrie zu nutzen. Für die Unternehmen in diesen Regionen gilt: Ohne modernster Technologie und Internationalisierung ihrer Unternehmen kein künftiges Wachstum.

Die betroffenen chinesischen Unternehmen sind daher auch bereit, tief in die Tasche zu greifen. Zumindest tiefer als andere. Gegenüber westlichen Konkurrenten bieten sie in der Regel eine Aufschlagsprämie zwischen 10% – 15%. Warum?

Ganz bestimmt ist es nicht Großzügigkeit, die zu solchen Aufschlägen führt. Mangelnde Markterfahrung kommt der Sache schon näher. Von Chinas 500 größten Unternehmen verfügt lediglich ein Fünftel über Erfahrungen im internationalen M&A-Geschäft. Von den abertausenden mittelgroßen und ‚kleineren‘ Unternehmen (nach chinesischem Maßstab) nicht zu reden. Geschäfte mit solchen Unternehmen sind aus westlicher Sicht einfach riskanter und unkalkulierbarer als mit etablierten Wettbewerbern aus Europa oder den USA.

Das wird in selbstkritischen Kreisen in China inzwischen selbst so gesehen. Ein kürzlich ausgestrahlter Fernsehbericht des China Business Network (der Shanghai Media Group zugehörig, also der zweitgrößten Mediengruppe in China), der sich in den chinesischen Sozialmedien wie ein Lauffeuer verbreitete, liefert hierzu ein paar ernüchternde Zahlen. Wie zum Beispiel, dass westliche und andere asiatische Akteure in der Regel etwa 85% ihrer M&A-Versprechen einlösen können, während es chinesische Unternehmen gerade einmal auf 65% bringen.[2]

Insofern sollte davon ausgegangen werden, dass eine Aufschlagsprämie von 10%-15% gegenüber Angeboten westlicher Wettbewerber zuweilen zwar Vorurteilen gegenüber China geschuldet sein mag, in erster Linie aber schlicht vorhandene Marktrisiken widerspiegelt. Nicht nur der Fall der Übernahme von KUKA hat gezeigt, dass selbst bei außerordentlich großzügigen Kooperationsangeboten viele westliche Unternehmen (wie auch die Politik) eine Technologiepartnerschaft mit chinesischen Unternehmen einfach ablehnen.[3] Die Angst, mit solchen M&A die eigene Technologie zu verlieren, ohne den erhofften Zugang zum chinesischen Binnenmarkt zu erhalten, ist einfach groß. Auch die aktuellen Übernahmen von Osram und Alba werden entsprechend kritisch beäugt.

Das ist noch die Sonnenseite. Weniger bekannt sind Erfahrungen, die deutsche mittelständischen Technologieunternehmen mit chinesischen Interessenten gemacht haben. Nicht selten wird hier geklagt über Vertragsbrüchigkeit, kalkulierte Fehlinformationen oder inakzeptable Unternehmenskulturen. Die Größe des chinesischen Marktes oder interne Unternehmensnotwendigkeiten mögen den deutschen Mittelstand nach China drängen. Vertrauen in die chinesischen Partner oder Freude an der Zusammenarbeit sind es meist nicht. Kaum ein deutsches Technologieunternehmen, das sein Glück in M&A mit China wirklich findet.

Für den chinesischen mittelständischen M&A-Interessenten dürfte eine Aufschlagsprämie von 10%-15% daher noch schmeichelhaft sein. Der Druck auf die Prämie liegt hier eher nach oben als nach unten, so lange die Risiken für westliche Unternehmen kaum überschaubar bleiben.

Mission Implausible: Industrieparks wie Sand am Meer

Chinesischen Behörden fällt der Umgang mit dieser Problematik noch schwer. Wer in den entsprechenden Regionen politische Karriere machen will, muss als Bürgermeister oder Parteisekretär internationale Technologiepartnerschaften vorweisen. Industrieparks und Industrieparkservicezonen schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Fast immer geht es auch darum, deutsche (mittelständische) Technologieunternehmen für Investitionen vor Ort oder Joint Ventures zu gewinnen. Viele deutsche Unternehmen können sich kaum retten vor – weitgehend gleichlautenden – Angeboten aus China, die mit einem Paket aus Steuererleichterung bzw. Steuerbefreiung, mietfreier Nutzung von Werkhallen und Bürogebäuden und anderen finanziellen Anreizen für den eigenen Standort locken. So richtig überzeugen kann das die überwiegende Vielzahl deutscher Unternehmen aber selbst dann nicht, wenn diese Standorte mit erheblicher Unterstützung deutscher Politik beworben werden. Sie wissen, dass sich ein business case kaum begründen lässt, so lange chinesische Unternehmen die Grundprinzipien internationaler Zusammenarbeit kaum befolgen bzw. überhaupt kennen. Diese Botschaft wird durch die Aufschlagsprämie vermittelt. Und da die große Welle chinesischer Investitionen in Deutschland und der EU noch bevorsteht, wird diese Botschaft in Zukunft vermutlich immer klarer vermittelt.

Was kann geändert werden?

Viele deutsch-chinesischen Großprojekte zur Ansiedelung von Industrie und zur Vermittlung von Technologiepartnerschaften sind entsprechend vor allem für den mittelständischen Bereich hinter den Erwartungen zurück geblieben.

Daher wächst die Bereitschaft bei einigen progressiven chinesischen Behörden, in die Aus- und Fortbildungen von Unternehmern zu investieren. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Firmenvorstände der ersten Generation, insbesondere aber deren Erben sowie Neugründer von Unternehmen. Gerade bei der Nachfolgegeneration lassen sich leichter neue Erwartungen und Standards erzeugen. Es gibt viel zu tun. Hier einige Favourites aus deutscher Sicht:

    1. Orientierung an gemeinsamen Geschäftsplänen: Es reicht einfach nicht, mit der Fahne des chinesischen Binnenmarktes zu winken. Es mag eine interkulturelle Anforderung an deutsche Verhandlungspartner sein, das Bedürfnis nach guter Stimmung und Einladungskultur ernst zu nehmen, aber auch nach erfolgreicher Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding entscheidet erst ein nach internationalen Standards verfasster Geschäftsplan, ob eine Investition getätigt werden kann oder nicht. Viele Entscheidungsträger auf chinesischer Seite sind in diesem Bereich nicht mit den gängigen Regeln vertraut.
    2. Beratungsdienstleistungen ernst nehmen: Rechtsberatung, Prozessberatung, professionelle Dolmetscherleistungen – solche Dienstleistungen werden besonders im chinesischen Mittelstand noch immer als überflüssig angesehen. Im Ergebnis führt diese Haltung zum Scheitern auch von potentiell aussichtsreichen Unternehmenspartnerschaften. Und diese Haltung ist teuer für alle Seiten, schon weil Scheitern teuer ist.
    3. Equal Playing Field für alle Unternehmen herstellen: Vielleicht die härteste Nuss, die es zu knacken gilt. Selbst Unternehmen chinesischer Herkunft diskriminieren untereinander. Ein Beispiel: In der Provinz Guangdong folgen Unternehmen mit der Zugehörigkeit zu Hakka, Kanton und Chaoshan unterschiedliche Spielregeln. Während einige Gruppierungen relativ neutrale Geschäftsbeziehungen aufbauen, wird im nächsten Fall alleine der eigenen Gruppierung vertraut. Hier gilt der Handschlag, nach Außen gelten Anstand und Vertrag wenig. Viele chinesische Unternehmen kommen kaum damit zurecht. Für deutsche Unternehmen ist der Misserfolg oft vorprogrammiert.
    4. Transparenz in die Prozesse bringen: Ob man mit der Privatwirtschaft oder mit Behörden arbeitet, die Regeln der Zusammenarbeit ändern sich permanent. Oft steckt dahinter kein böser Wille, sondern mangelnde Beschäftigung mit Prozessen. Für viele deutsche Unternehmen eine Geduldsprobe, die nicht gerade Vertrauen schafft.
    5. Realistische Erwartungen an Match Making: Kaum eine Erwartung chinesischer Unternehmensdelegation ist mehr aus dem Ruder geraten als die Erfolgsversprechungen von Veranstaltungen des Match Making. Deutsches Technologieunternehmen schicken ohnehin ungerne Entscheidungsträger zu solchen Veranstaltungen. Auch hier gilt wieder: Wenn eventuelle Partnerschaften nicht durch Beratungsdienstleistungen ernsthaft vorbereitet sind, handelt es sich in der Regel um Zeitverschwendung.
  • Fokus auf Etiketten aufgeben: Chinesische Zahlungsbereitschaft steigt überproportional mit den Namen, die man in den Ring wirft. Aus chinesischer Sicht zählt vor allem der Status der „Weltklasse“. Etwa Siemens im Technologiebereich, Harvard im Bildungsbereich. So erklärt sich auch manche Einbindung von elderly statesmen, die selten mehr gefragt sind als in China. Danach wird diskontiert, auch wenn es dem eigentlichen Anliegen zuträglicher ist. Die Fetischisierung auf Namen und Etiketten mag für den Verkauf deutscher Luxusprodukte entscheidend sein, für den Aufbau von Technologiepartnerschaften ist sie eher hinderlich.

China macht zunehmend seinen globalen Gestaltungsanspruch geltend und redet gerne von Win-Win-Situationen. Auf politischer Ebene hat die traditionell leistungsfähige Bürokratie bereits viel erreicht. Der chinesische Privatsektor jedoch hinkt deutlich hinterher, vor allem im Mittelstand. Daher sind Investitionen in die Mentalitätsveränderung chinesischer Unternehmer ein wichtiger Schritt. Und vielleicht der beste Hebel, um die vorhandenen Prämienaufschläge auf Dauer zu reduzieren.

 

[1] Vergleiche die offiziellen Projektionen des chinesischen Handelsministerium, MOFCOM: http://english.mofcom.gov.cn/article/newsrelease/policyreleasing/201602/20160201251488.shtml

[2]http://mp.weixin.qq.com/s?__biz=MzIzOTE3ODQwMQ==&mid=2657245687&idx=1&sn=11a6e70e8e4d85565b2c8cf4a2307a9e&mpshare=1&scene=5&srcid=1003AIzRAGiazwIVs1nDWt91#rd

[3] Siehe hierzu auch den Beitrag von Helmut Reisen auf diesem Blog: https://weltneuvermessung.wordpress.com/2016/06/

 

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