G20-Parallelen zur deutschen Kolonialgeschichte in Afrika

von Helmut Reisen, 21. Juli 2017

Deutschlands afrikanische Kolonialgeschichte war ephemer und begrenzt im Vergleich zu der seiner europäischen Nachbarn. Afrikanische Nachfolgestaaten ehemaliger deutscher Kolonien (euphemistisch „Schutzgebiete“ benannt) sind Burundi, Kamerun, Namibia, Ruanda, Tansania und Togo. Während Reichsgründer Otto von Bismarck ausgesprochen kolonialfeindlich eingestellt war, gab es wirtschaftliche Interessen besonders der hanseatischen Handelshäuser und Reeder, die sich für die Errichtung deutscher Kolonien stark machten. Wesentliche Motive: den deutschen Bevölkerungsdruck durch Auswanderung abfangen; der noch jungen Industrie Rohstoffe sichern; Infrastrukturausbau durch Zwangsarbeit der einheimischen Bevölkerung via Kopfsteuern; und Absatzmärkte erschließen. Letzteres Motiv galt besonders wegen der Gründerkrise (1873-79), die wie in China heute mit Überproduktion der Schwerindustrie einherging. Was man neuhochdeutsch heute ´soft power´ nennt, war ein weiteres Motiv (besonders der Kirchen): die „Kulturmission“.

Die G20-Afrika-Partnerschaft, ein Schwerpunkt der deutschen G20-Präsidentschaft, hat sich vorwerfen lassen müssen, sie sei neokolonial[1]. Zwar ist dieser Vorwurf etwas grobschlächtig. Aber eher verdeckte Parallelen zur kurzen deutschen Kolonialgeschichte – von der ersten Fahnenhissung 1884 bis zum Verlust der Kolonien im Vertrag von Versailles 1919 –  gibt es durchaus. Die Lektüre des neulich erschienenen Sammelbandes „ Die Deutschen und ihre Kolonien“ führt zu manchen Einsichten[2].

Eine subjektive Zusammenfassung der Parallelen:

  • Der G20-Gipfel von Hamburg erinnert an die Berliner Westafrika-Konferenz 1884/85 unter dem Vorsitz Bismarcks, eine Zusammenkunft von 15 Staaten. Diese löste durch die Festlegung von Kriterien für die völkerrechtliche Anerkennung von Kolonialbesitz einen Wettlauf um noch nicht besetzte „Schutzgebiete“ aus.
  • „Volk ohne Raum“, das völkische Schlagwort, bündelte die These vom mangelnden Lebensraum des (damals rasch wachsenden) deutschen Volkes; Massenauswanderung nach Afrika und anderswo sollte den vorgeblich enger werdenden Lebens- und Ernährungsraum Deutschlands entlasten. (´Land grabs´ – Landaneignung für Plantageanbau – gab es bereits damals.) Heute wächst die Bevölkerung Afrikas rasant, erzeugt einen interkontinentalen Migrationsdruck, den Europa nicht zuletzt mit dem Hinweis blockiert, es gäbe nicht genug Platz.
  • Deutschland hat damals wie heute mit Afrika ´gefremdelt´. Sein kurzer Kolonialbesitz und seine restriktive Einbürgerungspolitik hat im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien zur Folge gehabt, dass Deutschland lange Zeit weniger durch Einwanderung geprägt war. Seine Wahrnehmung Afrikas war oft auf das Karitative( unter anderem mit Fotos hungriger Kinder) verengt, unter Vernachlässigung des wirtschaftlichen Potenzials des kontinents.
  • Kostspielige Prestigeobjekte kennzeichnen den deutschen Imperialismus des 19. Jahrhunderts. Dies entspricht der ´Bella Figura´, welche die deutsche G20-Präsidentschaft mit dem Schwerpunkt Afrika und zahllosen meist unkoordinierten Plänen[3] machen wollte.
  • Besonders Bismarck, wie auch die heutigen Architekten des G20 Compact with Africa, sträubte sich gegen mit den Kolonialisierung verbundene Verpflichtungen des Staatshaushaltes. Man beauftragte stattdessen private Handelsgesellschaften mit der Verwaltung deutscher „Schutzgebiete“ und private Investoren mit der Infrastrukturfinanzierung. Das ging nicht lange gut, die Reichsfinanzen wurden schließlich dochfür Infrastrukturaufbau, Verwaltung und Militär in Anspruch genommen.
  • Besonders dem deutschen Finanzministerium wurde beim Compact with Africa der Vorwurf gemacht, keine eigenen Konzepte zu entwickeln, sondern denkfaul die Blaupausen von IMF und Weltbank übernommen zu haben[4]. Auch der deutsche Kolonialstaat hatte weder Strategie noch Konzept für die wirtschaftliche Entwicklung seiner Kolonien entwickelt; er errichtete kaum Lehrplantagen und zu spät (1908) ein Kolonialinstitut zur normierten Vorbereitung des Verwaltungsdienstes in den Kolonien. Vorbild waren die britischen Chartergesellschaften. Da man mit den afrikanischen Verhältnissen so wenig vertraut war, musste man sich auf lokale Warlords verlassen. Dadurch wurden die völkerrechtlichen Standards unterlaufen, welche damals für die Verwaltung von Kolonien bestanden.

Afrika hat unter dem Kolonialismus nachhaltig gelitten, unabhängig vom Kolonialtypus (Rohstoffausbeutung oder Besiedlung), besonders durch die Förderung extraktiver Institutionen[5]. Aber auch die deutsche Kolonialbilanz war per saldo negativ. Staatliche Zuschüsse versus private Gewinne: Den größten Nutzen aus dem Kolonialgeschäft zogen etliche Unternehmer und Investoren; aus der Perspektive der Reichsfinanzen war das Kolonialengagement ein Verlustgeschäft. Die Kosten der Kolonialverwaltung, die erheblichen Investitionen in die Infrastruktur (besonders der Eisenbahnbau in Ostafrika) und der Aufwand für die Niederschlagung verlangten erhebliche Reichszuschüsse. Die Auswanderung nach Afrika blieb (außerhalb des heutigen Namibia) verschwindend gering, die Absatzmärkte (außer für Eisenbahnteile und Bier!) dürftig. Die Infektionen durch die Tsetse-Fliege und topografische Komplikationen Afrikas verteuerten den Infrastrukturausbau über das geplante Maß hinaus. Der deutsche Kolonialismus hatte sich schließlich als lose-lose Abenteuer entpuppt.

[1] https://deutsch.rt.com/international/54066-heuchlerisch-paternalistisch-neokolonial-g20-prasidentschaft-afrika/

[2] Horst Gründer und Hermann Hiery (Hrsg.), „ Die Deutschen und ihre Kolonien“, be.bra verlag GmbH, Berlin 2017.

[3] Robert Kappel, „Die vielen Pläne. Deutsche Afrikapolitik im Vorwärtsgang?“, Weltneuvermessung, 5. Mai 2017.

[4] Helmut Reisen, “Die ideologische Schieflage des Compact with Africa“, Makronom, 14. Juni 2017

[5] Leander Helding and James Robinson, “Colonialism and development in Africa”, Voxeu, 10. Januar 2013.

G20 summit: Africa’s loss

Robert Kappel, Helmut Reisen | 14.07.2017

IPS Journal, 17 July, 2017
Full text here: http://www.ips-journal.eu/regions/africa/article/show/g20-summit-africas-loss-2167/
EPA/ Armando Babani

EPA/ Armando Babani
Outcomes of the G20 summit vanished into thin air.
Now the troubled days in Hamburg are over, it’s time to ask what’s left from last weekend’s G20 summit. Controversial discussions about a unified climate policy, free trade and better measures to combat terrorism overshadowed the Compact with Africa (CWA) – a G20 initiative to promote private investment on the continent. It was an opportunity missed – not least due to a lack of empathy from the USA, EU, Japan and India, as well as China. It seems this ‘club of rich nations’ is still only marginally concerned that African countries are underdeveloped and not part of the global economy.

The G20 finance ministers coordinated the CWA, and discussed it with select African countries after it had been completed. Then the G20 approved it. But its name, Compact with Africa is misleading. The continent was barely involved in shaping the agreement. South Africa is the only African member of the G20. The African Union was invited late in the day, and no other African countries were involved in formulating the Compact. Besides that, as a document that links the financing of large infrastructure projects to foreign direct investment, the CWA does not really represent African concerns.
The G20 finance ministers who ran the show in Hamburg mostly thought about how to free up capital for big projects. We’re talking huge sums: To catch up with Southeast Asian infrastructure, an estimated USD 100 billion will have to be invested annually over 10 to 15 years. And that only covers the bare necessities – electricity, roads, water connections, urban and rural transport systems, ports and airports.
Since sums of that magnitude are beyond the means of official development assistance, the G20 is hoping to attract private investors such as pension funds and life insurers. However, they will only invest where they have good prospects of a certain rate of return. This is unrealistic in poor African countries, so there still need to be subsidies and safeguards. Compact documents reveal that investors are guaranteed interest rates of 4 to 4.5 per cent.
A Friedrich-Ebert-Stiftung study about the CWA from May 2017 (Kappel, Reisen 2017) analysed its main components. Although the CWA’s concept is perfectly coherent and it presents straightforward arguments and some important statements about efficiency, big-project management and possible indebtedness, the authors of the study criticise that in the final analysis, the CWA is a re-launch of the ‘Big Push’. That approach, which predicts that Africa could get ahead through major investment in its infrastructure, has already been discussed many times in Africa. The Compact is simply a new version of stabilisation and structural adjustment measures: The generally detrimental programmes of the 1990s are in vogue again.
The CWA is principally a set of instruments for leveraging private capital and hedging risks. The idea is not new. It plays down the side effects and barriers that private co-financing can cause, especially in poor countries and conflict-wracked regions where poverty persists and creates the greatest pressure to migrate.
The International Monetary Fund (IMF), World Bank and African Development Bank provided the blueprint for the compact. Unsurprisingly, the compact is biased.
Its macroeconomic framework – fiscal policy discipline, privatisation and deregulation – smacks of the neoliberal ‘Washington Consensus’ that was thought to be a thing of the past. The CWA has no room for nuanced recommendations that take Africa’s particularities into consideration. It does not distinguish between emerging economies and conflict-ridden poorhouses; countries that export and import raw materials; coastal states or landlocked countries; states in West and East Africa; or nations that are heavily indebted and those that are not.
The CWA is heavily influenced by the Anglo-Saxon financial model, which is based on stocks and bonds. In contrast to that, East Asia and Continental Europe financed their successful development models through retained corporate profits, commercial bank corporate credits, and taxes and mandatory levies for public sector investment.
The public sector’s role in development is largely ignored: salvation is supposed to come from private investors. There is no mention of the role played by national development banks for the middle class, state pension funds and rural credit unions in combatting rural poverty.
The CWA also overlooks the connection between developing infrastructure, industry and agriculture. There is no concept for developing industry, modernising agriculture, or the economic policies needed to do that. Knowledge of the varying developments in middle- and low-income countries, where small- and medium-sized enterprises have vastly different starting positions, is particularly lacking. Neither does the compact explain how the momentum that developing industry can gain in urban centres can be brought into the agricultural sector.
The CWA does not address the benefits of education and training on economic development, nor does it discuss labour or environmental standards – areas where Germany has expertise.
With the G20 finance ministers dictating the agenda, the German government missed its chance to bring African countries’ experience, strategy papers, expertise and economic policy concepts into the discussion.
Germany also missed the opportunity to present a new model of cooperation with Africa, despite numerous conversations between African leaders and German ministers, NGOs, think tanks, unions, employer associations and political parties. There was no discussion of the German government’s “Marshall Plan for Africa”, which proposed a number of initiatives to fight poverty. There should have been more of a focus on poverty and climate change, because Africa needs sustainable and inclusive development.
The G20 heads of state and government are astonishingly resistant to advice about how to cooperate with Africa. They seem to cling to an obsolete, neo-colonial and paternalistic model of control – a model that is more likely to exacerbate the problems than solve them. Small wonder that African countries want no part of it!Germany must now lick its wounds and start over. Its next opportunity will be at the autumn 2017 negotiations of the Cotonou Agreement, which has regulated the partnership between African countries and the EU since 2000 and is scheduled to end in 2020. Hopefully, those results will not be paternalistic or made with brute-force. We have to hope that the next agreement will be pro-active and include convincing measures for solving complex trade issues. The Hamburg takeaway: Never allow finance ministers to conceptualise issues that are beyond them: development, poverty reduction, industrialisation, agricultural modernisation and employment. 

Literature:

Robert Kappel and Helmut Reisen (2017), The G20 »Compact with Africa« – Unsuitable for African Low-Income Countries, Berlin: FES. http://library.fes.de/pdf-files/iez/13441.pdf

Robert Kappel, Birte Pfeiffer and Helmut Reisen (2017), Compact with Africa: Fostering Private Long-term Investment in Africa, Bonn: GDI/DIE Discussion Paper 17/2017. http://www.die-gdi.de/discussion-paper/article/compact-with-africa-fostering-private-long-term-investment-in-africa/