Populismus und Ungleichheit in Europa

Populismus und Ungleichheit in Europa (Helmut Reisen)

Das Jahr 2016 hat viele mit der Wahl von Präsident Trump in den USA und der Brexit-Abstimmung im britischen Referendum schockiert. Seitdem wird allgemein davon ausgegangen, dass die zunehmende Ungleichheit den Aufstieg des Populismus bei einer Reihe von Wahlen, insbesondere in Europa, erklären könnte. Branko Milanovic´s berühmte Elefanten-Schaubild[i] dient oft der Unterstützung der Vorstellung, dass die Globalisierung, wie auch durch das Stolper-Samuelson-Theorem suggeriert, der Mittelschicht in fortgeschrittenen Ländern zum Nutzen Chinas und anderer Schwellenländer geschadet hat. Der finnische Think-Tank SITRA warnt jedoch davor, dass diejenigen, die 1988 die 75. bis 85. Perzentile der globalen Einkommensverteilung dominierten, nicht diejenige des Jahres 2008 waren. 2008 nämlich bestand die gleiche Gruppe hauptsächlich aus Chinesen der Mittelschicht[ii].

Elephant chart

Ein brillanter Artikel in der New York Times[ii] hat gerade gezeigt, dass die Vereinigten Staaten in der Ungleichheit-Liga der OECD-Länder führend sind. Dort haben die reichsten 1 Prozent ihren Anteil am Volkseinkommen seit 1980 etwa verdoppelt, auf 20 Prozent im Jahr 2016. In Europa ist es Großbritannien, wo die reichsten 1% ihren Anspruch auf das Nationaleinkommen in den Jahren 1980-2016 am stärksten ausgeweitet haben, von 6 auf 14%. (Der Artikel weist auch einige weit verbreitete Missverständnisse zurück, indem er zeigt, dass ein Anstieg des internationalen Handels – gemessen als Import- oder Exportanteil am BIP – mit mehr Einkommensgleichheit und nicht mit Ungleichheit verbunden ist.)

Die Erzählung, dass die Zunahme der Einkommensungleichheit die Ursache für Populismus ist, wurde 2017 jedoch durch Wahlergebnisse in Österreich oder Tschechien, vergleichsweise egalitären Ländern, die trotzdem für Populisten gestimmt haben, angekratzt. Zuvor hatten sich schnell wachsende Ungarn und Polen mit ähnlichen Merkmalen dem Rechtspopulismus zugewandt.

Der Timbro Authoritarian Populism Index behauptet, die einzige europaweite umfassende Studie zu sein, die den Aufstieg des autoritären Populismus in Europa untersucht, indem sie Wahldaten seit dem Jahr 1980 analysiert. Wie ihre Daten zeigen, hat der „autoritäre Populismus“ den Liberalismus überholt und sich als dritte ideologische Kraft in der europäischen Politik hinter den konservativ-christlichen Parteien und der Sozialdemokratie etabliert. Es werden nur Zahlen für Europa angegeben.

Einkommensanteile des reichsten Prozents und Timbro Populismus IndexTimbro IndexSources: Rothwell, NYT 17th 11. 2017 (World Income Database); Timbro Authoritarian Populism Index 2016; eigene Berechnungen der Spearman Rangkorrelation Rho nach   http://www.real-statistics.com.

Ich habe die Zahlen aus dem Artikel der New York Times und dem Timbro-Index in der obigen Tabelle gesammelt. Das erlaubt mir, eine Berechnung der Spearman-Rangkorrelation[iv] zwischen Anstieg, bzw. Höhe der Einkommensungleichheit und dem Timbro Populism Index durchzuführen. Nicht weniger, nicht mehr. Die Formel, die für Spearman´s Rho verwendet wird, lautet

Rho = 1- (6∑Diff_Sq)/(n3 – n),

wobei n = 12 und Diff_Sq den quadratischen Unterschied in der Länderrangliste zwischen dem Timbro-Index und dem Anstieg der Werte 1980-2016 bzw. 2016 des prozentualen Anteils des Nationaleinkommens bezeichnen, der dem reichsten 1% der Bevölkerung zufließt.

Die Spearman Rho-Werte sind negativ, nicht positiv, wie die meisten erwarten würden, aber statistisch unbedeutend. Zwischen dem Timbro-Populismus-Index und dem Anstieg des prozentualen Anteils am Nationaleinkommen, der von den Top-1% angeeignet wird, ist Spearman´s Rho = -0,357; für die Höhe des prozentualen Anteils am Nationaleinkommen, der von den Top-1% erfasst wird, ist Rho bei -0,052 fast Null.  Die Ergebnisse für Spearman’s Rho liegen unter dem kritischen Wert für 2-Tail-Tests (n=12 => 0,406).

Ich muss daher die Nullhypothese zurückweisen, dass es eine Korrelation zwischen dem Timbro Populismus-Index 2016 und dem Anstieg der Einkommensungleichheit von 1980-2016, bzw. ihrer Höhe im Jahr 2016 in einem Panel von 12 europäischen Ländern gibt. Meine Berechnung impliziert sicher keine Kausalität. Sie können jedoch darauf hindeuten, dass andere Erklärungen populistische Abstimmungen begünstigen können, wenn Menschen glauben, dass ihre Lebensweise bedroht ist[v].

 

 

[i] Branko Milanovic (2016), Global Inequality, Harvard University Press

[ii] Jonathan Rothwell, Dispelling misconceptions about what’s driving income inequality in the U.S, New York Times, 17th November 2017.

[iii] SITRA (2017), Spoiler: It’s not the rise of populism. What does the elephant chart really tell us?, Helsinki.

[iv] Wenn Daten nicht normalverteilt sind oder wenn das Vorhandensein von Ausreißern ein verzerrtes Bild der Assoziation zwischen zwei Zufallsvariablen ergibt, ist die Rangkorrelation des Spearman ein nichtparametrischer Test, der dem Pearson-Korrelationskoeffizienten vorgezogen wird. Siehe http://www.real-statistics.com/correlation/spearmans-rank-correlation/

[v] Vgl. dazu Wolfgang Streeck (2017), „Nicht ohne meine Identität? Die Zukunft der Nationalstaaten“. In dem SWR2-Interview stellte Streeck neulich die These auf, dass die Nationalstaaten mit ihren eigenen Identitäten, Kulturen und Ökonomien eine Alternative sind zum Traum von ´neoliberaler´ Grenzenlosigkeit.

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