Vom Copycat zum globalen Innovationstreiber: Technologietransfer mit China neu denken!

von Thomas Bonschab

Der Technologietransfer mit China scheint nur eine Richtung zu kennen: die westlichen Industrieländer geben, China nimmt. Dieser Vorgang genießt keinen guten Ruf. Öffentliche Medien greifen immer wieder Berichte auf, nach denen chinesische Unternehmen im Rahmen von Industriespionage oder Vertragsverletzungen westliche Technologie unverfroren klauen. Weil viele solcher Geschichten belegt sind, haben sie in weiten Kreisen die Stimmung gegenüber China kräftig versalzen, besonders am Technologiestandort Deutschland.

Schwerer noch wiegt der Vorwurf, dass China sich auch auf legalem Wege einfach nimmt, was es braucht. Tatsächlich werden westliche Unternehmen noch immer in fast allen Schlüsselsektoren zu Joint Ventures in Minderheitenbeteiligung gezwungen, um einen Marktzugang in China zu erhalten. Öffentliche Ausschreibungen sind meist so gestaltet, dass Genehmigungen nur erteilt werden, wenn relevante Technologien bereitgestellt und vor Ort mit – oft zugeteilten – Partnern produziert wird. Hinzu kommen Auflagen, etwa zur Übergabe von Konstruktionsplänen an fremde Institute oder Trainingsprogramme für lokale Mitarbeiter. Seit einigen Jahren fördern chinesische Behörden zudem, mehr oder weniger transparent, M&A-Prozesse in den Ursprungsländern der Hochtechnologie. In Deutschland wurden vor allem die Fälle KUKA und Aixtron kritisch diskutiert.

Westliche Regierungen reagieren zunehmend nervös und versuchen sich gegenüber China stärker aufzustellen. Die derzeit schrillen Töne aus den USA lassen gar einen Handelskrieg befürchten. Doch selbst die moderatere EU und Deutschland versuchen mit neuen Außenwirtschaftsverordnungen den Marktzutritt für chinesische Akteure zu erschweren oder drohen China wegen seines Vorgehens gar den Status einer Marktwirtschaft zu verwehren. Hierfür gibt es realpolitische Gründe, der eingeschlagene Lösungsansatz ist aber problematisch.

Für eine andere Neuaufstellung gegenüber China

Eine wirtschaftspolitische Neuaufstellung gegenüber China ist sicherlich erforderlich. Wünschenswert wäre es allerdings, wenn China dabei nicht nur aus der heutigen bzw aus der Perspektive der vergangenen 10 Jahre betrachtet würde. Aus diesem Blickwinkel erscheint China zwar als neue wirtschaftliche Großmacht, aber doch als technologisches Entwicklungsland, das sich Wissen und Innovation nur über unlautere Wege aneignen kann. Insofern wird das eigene Weltbild der technologischen Überlegenheit dadurch nicht erschüttert.
Diese Haltung wird man schon bald korrigieren müssen. Die eigentliche Dynamik des Landes ist nicht nur in seinen beeindruckenden Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts zu finden, sondern in seiner Fähigkeit, sich zu einer modernen Wissensgesellschaft zu transformieren und hierbei auch eigene, so genannte indigene Technologien zu entwickeln bzw. im Re-Engineering High-Tech-Produkte jenseits von Produktklau für die eigenen Märkte weiterzuentwickeln . Schon bald dürfte in ausgewählten Sektoren der Technologietransfer von China in den Westen verlaufen, nicht umgekehrt.

Hier eine Reihe von Common Sense-Überlegungen, die diesen Trend sichtbar machen.

Beispiel 1: China als Land der Erfindungen: Der Anteil für Forschung und Entwicklung am Bruttosozialprodukt lag 1996 noch bei knapp über 0,5%. Das war zwar über dem Schnitt der typischen Least Developed Countries (LDC) von 0,2%, aber weit von den modernen Industrienationen entfernt. Seither wachsen die jährlichen Ausgaben im Schnitt um 22%.

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Quelle: Zusammengestellt aus United Nations Educational, Scientific, and Cultural Organization (UNESCO) Institute for Statistics.

Der Aufholprozess ist unverkennbar. Im Jahr 2015 hat China bereits 2,07% des Bruttosozialprodukts in Forschung und Entwicklung investiert. Deutschland im Vergleich: 2,87%. Schon 2006 kündigte der Staatsrat in seinem „Outline of National Medium and Long Term Science and Technology Development Plan (2006 – 2020)“ die Zielmarke von 2,5% des Bruttosozialprodukts für 2020 an. Da China solche Veröffentlichungen nicht als ein Gedicht an das Volk versteht, sondern als knallhartes Versprechen, muss man davon ausgehen, dass in den kommenden 10 Jahren in etwa das Niveau Deutschlands und der USA erreicht wird. Allein die Sonderfälle von Technologieländern wie Südkorea (4,2% in 2015), Israel (4,3% in 2015) oder Japan (3,3% in 2015) heben sich dann noch davon ab.

Hierbei sprechen wir lediglich über aggregierte Daten. In den durch die chinesische Regierung im Rahmen ihres Innovationsprogramms „Made in China 2015“ definierten Schlüsselsektoren dürften die Zahlen noch signifikanter ausfallen. Für die neuen Informationstechnologien – vor allem im Bereich der Künstlichen Intelligenz und in den Sektoren der Luft- und Raumfahrt oder in der Biomedizin und der Entwicklung von High-End-medizinischen Geräten – wird mit besonderem Nachdruck darin investiert, eine schnelle Unabhängigkeit von westlichen Technologien zu erreichen und indigene Technologien zu entwickeln.

Beispiel 2: China im Patentfieber: Nach einer aktuellen Erhebung der World Intellectual Property Association (WIPO) meldet kein Land mehr Patente an als China. Genau genommen so viele wie die USA, Japan, Südkorea und die EU zusammen.

Trend der Patentanmeldungen in den fünf wichtigsten WIPO-Büros

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Quelle: : WIPO Statistics Database, Oktober 2016

Sicher mag man einwenden, dass viele der angemeldeten Patente allein für den chinesischen Markt bestimmt sind, also nicht alle die Hochwertigkeit deutscher Patente besitzen. Gleichwohl wird dadurch sichtbar, wie sehr sich China inzwischen als ein Land der Erfindungen und Ideen generiert.

Die Dynamik lässt auch erahnen, in welche Richtung sich die derzeit noch sehr kritische Auseinandersetzung mit China über den Schutz intellektuellen Eigentums (IPR) entwickeln wird. Ein Land mit so vielen Patenten wird diese auch schützen wollen, sonst sind sie nicht viel wert. Die Gesetze hierfür sind bereits vorhanden, deren konsequente Umsetzung durch die Behörden stellt noch eine große Herausforderung dar. Mit den Jahren wird sich das voraussichtlich beheben lassen. Ironischerweise könnte China dann zu einem weltweiten Protagonisten von IPR aufsteigen. Historisch würde das durchaus dem Vorbild von Japan, Südkorea und anderen Ländern folgen.

Beispiel 3: „Speed to Market“ – von der Erfindung zur Produktentwicklung: In dieser Kernkompetenz für einen erfolgreichen Technologietransfer ist China voraussichtlich schon heute weltweit führend. Kaum eine Bevölkerung ist technikaffiner als die chinesische. Kunden fordern über soziale Medien und Internet eine permanente Produktanpassung und treiben Unternehmer vor sich her. Schlechte Produktqualität und Produktsicherheit sind zwar an der Tagesordnung, werden aber vom Kunden rigoros abgestraft.

Geschwindigkeit und Mentalität chinesischer Unternehmer sind darauf eingestellt. Langwierige Strategieprozesse und Beratereinsätze gehören nicht zum chinesischen Geschäftsleben. Innovationsdruck kommt auch von den vielen Regierungsprogrammen, die entweder über Verordnungen (z.B. Umweltauflagen) oder Marktanreize funktionieren. Marktchancen im Kontext von „Made in China 2025“ oder dem Jahrhundertprogramm „One Belt, One Road“ fordern selbst von den großen Staatsunternehmen ein Maximum an Flexibilität und risikobereitem Handeln.

Beispiel 4: Anreize für rückkehrende Intelligenz: Etwa 80% der Überseestudenten kehren nach China zurück. Das war nicht immer so. Noch Anfang der 2000er Jahre galt ein Studium in einem anderen Land, vornehmlich in den USA, als Perspektive für ein besseres Leben. Die Qualifikation der Studenten kam den ausbildenden Ländern zugute. Dieser Trend hat sich umgekehrt.

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Quelle: National Bureau of Statistics of China, 2016

In einigen Ländern kann diese Entwicklung durch eine Verschärfung von Visabestimmungen mitverursacht sein. Ausschlaggebend ist aber, dass China inzwischen vor allem in den Zukunftssektoren ein attraktiveres Arbeitsumfeld anbietet als früher. Auffallend sind vor allem die vielen Start-Up Center, die eigens für rückkehrende Studenten in vielen Städten aufgebaut wurden. Ende 2016 gab es 347 dieser Zentren, mit mehr als 27.000 Firmen. Ein Technologiepool für die Zukunft. Ein Vorbild, auch für westliche Industrieländer.

Dies sind nur einige Beispiele für die Dynamik, mit der sich China gegenwärtig zu einem globalen Innovationstreiber entwickelt. Schon heute zeichnet sich ab, dass das Land nicht nur wegen seiner Marktgröße oder seiner politischen Chuzpe, sondern aufgrund seiner technologischen Überlegenheit zumindest in einigen Sektoren künftig den Ton angeben wird. Die Ressourcen hierfür baut China in einer historisch atemberaubenden Geschwindigkeit auf. Die Zeiten, in denen China mantrahaft als Technologiedieb kritisiert wird, sind angezählt.

In Zukunft werden daher wohl auch Fragen des Technologietransfers anders bewertet. Viele deutsche Hidden Champions und Forschungseinrichtungen aus den Bereichen Automation, Digitalisierung und Industrie 4.0 werden ihre Entwicklung verstärkt in China vorantreiben, um hart am Wind segeln zu können. Es reizt nicht nur der Binnenmarkt Chinas, wie bislang. Es sind auch die asiatischen und globalen Programme entlang der Seidenstraße, die als Geschäftsopportunitäten wahrgenommen werden. Grundsätzlicher betrachtet aber ist China vor allem ein neuer, globaler Wettbewerber im High-Tech-Bereich.

Wo also geht die Reise hin?

Die gute Nachricht ist, dass deutsche Technologieunternehmen nach wie vor stark nachgefragt sind in China. Die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle ist auf privatwirtschaftlicher Seite schon längst im Gange, auch wenn der Prozess noch relativ am Anfang steht. Re-Engineering von Technologien dürfte bald in beide Richtungen gehen. Hier kann man auch von der chinesischen Seite lernen. WeChat zum Beispiel ist leistungsstärker als WhatsApp, auch wenn das Original aus den USA kommt. An solche Fälle wird man sich gewöhnen müssen.

Auf politischer Ebene kann man nur hoffen, dass er Ansatz einer Kooperation auf Augenhöhe und gemeinsamer Lernkurven keine einfache Rhetorik bleibt. Das europäische und deutsche Eintreten für mehr Fairness im internationalen Wettbewerb ist berechtigt und erforderlich. Die Abschottung der eigenen Märkte mittels neuer Außenwirtschaftsverordnungen ist allerdings eher ein Schritt zurück.

 

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3 Kommentare zu „Vom Copycat zum globalen Innovationstreiber: Technologietransfer mit China neu denken!

  1. Gute Übersicht, lieber Thomas.
    Neuer Themenvorschlag: One Belt, One Road. Allgemein und speziell (a) wie China Afrika aus der Hoffnungslosigkeit ziehen kann und damit (b) den Abwanderungsdruck und die Zuwanderung nach Europa dämpfen kann.
    Alfred

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  2. Hallo Thomas, top Übersicht! Vollkommen richtig, den Zugang zu bisher auf Offenheit setzenden Märkten verstärkt zu regulieren, führt in eine Sackgasse. Kooperation auf Augenhöhe, Reziprozität usw. muß das Ziel sein. Das scheint aber noch ein weiter und beschwerlicher Weg zu sein. Die passenden Instrumente sind noch nicht gefunden. Oder?

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