Die Afrikanische Freihandelszone – ein starkes Zeichen für den Welthandel

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Die Afrikanische Freihandelszone – ein starkes Zeichen für den Welthandel

von Matthias Wachter und Kerstin Petretto

29.5.2018

Ende März haben Vertreter aus 44 Mitgliedstaaten der Afrikanischen Union auf einem Sondergipfel in Ruanda die Vereinbarung für ein kontinentales Freihandelsabkommen, das sogenannte African Continental Free Trade Agreement, unterzeichnet. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, setzt die Vereinbarung doch ein ermutigendes Signal gegenüber der jüngsten Welle protektionistischer Maßnahmen der größten Wirtschaftsmächte.

Was aber bedeutet das Abkommen für Handelspartner jenseits des Kontinents? Werden dadurch die angestrebten regionalen Wirtschaftspartnerschaftsabkommen der Europäischen Union (Economic Partnership Agreements, EPAs) obsolet? Ganz im Gegenteil: Der Prozess muss nun beschleunigt werden!

Die afrikanische Freihandelszone zielt in erster Linie darauf ab, den Handel zwischen den afrikanischen Staaten zu verstärken. Denn mit mageren 16 Prozent ist deren Handelsvolumen das niedrigste aller Kontinente. Afrikanische Unternehmen zahlen mehr Zölle auf Exporte in ihre Nachbarstaaten als nach Europa. Das Freihandelsabkommen soll freien Personenverkehr zwischen afrikanischen Staaten ermöglichen, Dienstleistungen völlig und den Warenverkehr zu 90 Prozent von Zollschranken befreien. Sollten alle Mitglieder der Afrikanischen Union (AU) die Vereinbarung ratifizieren, entstünde eine Freihandelszone mit einem Gesamt-Bruttoinlandsprodukt von zwei Billionen Euro und einem Markt von 1,2 Milliarden Menschen.

Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg: Seit Jahrzehnten bemühen sich mehrere Regionalorganisationen des Kontinents um den Abbau von Handelshemmnissen auf regionaler Ebene. Bislang nur mit mäßigem Erfolg, die Handelsbilanz zwischen afrikanischen Staaten hat sich nur minimal verbessert. Jenseits formaler Rahmenbedingungen sind hierfür freilich Faktoren verantwortlich, die tief in der Wirtschaftsstruktur afrikanischer Staaten angelegt sind. Allen voran deren Ausrichtung auf Rohstoffabbau und Monokulturen mit dem Ziel des Exports nach Übersee. Unzureichende Verwaltung und Infrastruktur, ungenügendes Management von Grenzverkehr sowie Korruption sind weitere Hindernisse auf dem Weg zur Stärkung des innerafrikanischen Warenaustausches.

Die Implementierung einer Freihandelszone auf kontinentaler Ebene wird nicht einfacher, vor allem angesichts der Weigerung der wirtschaftlichen Zugpferde des Kontinents, Südafrika und Nigeria, das Abkommen überhaupt zu unterzeichnen.

Die von der EU-Kommission im Jahre 2000 initiierten EPAs bilden bis dahin eine notwendige Zwischenstufe, gerade um die strukturellen Herausforderungen anzugehen. Erstens schaffen sie eine längst überfällige WTO-konforme Grundlage für den Handel zwischen Afrika und Europa. Zweitens ermöglichen sie langfristig gegenseitige Marktzugänge mit der Option von Ausnahmeregelungen und Schutzklauseln für sensible Sektoren oder Produkte der afrikanischen Partnerstaaten. Davon könnten vor allem deren Landwirtschaftssektoren profitieren, die bislang einen nur sehr eingeschränkten Zugang zum europäischen Markt haben. Und drittens schaffen sie Anreize, afrikanische Märkte regional zu vernetzen, um sie derart gestärkt in die globale Wertschöpfungskette zu integrieren.

Eine afrikanische Freihandelszone bietet diese Vorteile nicht, denn ihr Fokus ist der innerkontinentale Binnenhandel. Einmal effektiv implementiert, kann sie als Plattform für interkontinentale Wirtschaftsbeziehungen dienen, von der aus weitere Handelsabkommen, auch mit der EU, verhandelt werden können.

Die gerade in Deutschland oft geäußerte Kritik, EPAs seien eine Initiative der Wirtschaft um afrikanische Staaten auszunutzen, wird widerlegt durch die Staaten, die bereits vorläufige bilaterale Abkommen mit der EU geschlossen haben.

Ghana beispielsweise profitiert enorm von der seit 2016 eingeleiteten EPA-Implementierung und dem bereits seit 2008 bestehenden zoll- und quotenfreien Zugang zum europäischen Markt: die ghanaischen Ausfuhren von Schokolade, Kakaobutter, Kakaomasse und Kakaopulver sind seitdem um 450 Prozent gestiegen. Vor allem wurde erreicht, dass nicht nur Rohstoffe exportiert, sondern diese im Land zu hochwertigen Produkten weiterverarbeitet werden können. Auch auf Basis dieser Erfahrung betont der ghanaische Industrieverband Association of Ghana Industries (AGI) die positive Wirkung, die EPAs selbst in kurzer Zeit entfalten. James Asare-Adjei, Präsident von AGI bis Ende 2017, stellt fest: „Zurzeit ist die EU der größte Abnehmer für Ausfuhren (46 Prozent) aus Ghana. Studien haben ergeben, dass das EPA die Rentabilität um 77 Prozent bei Unternehmen in Teilsektoren der verarbeitenden Industrie, im Wesentlichen durch niedrigere Eingangspreise, erhöhen wird. Das entspricht dem Hauptschwerpunkt des EPA, Zollsenkungen bei Vorprodukten und Zwischenerzeugnissen einzuführen, was wiederum Hersteller vor Ort begünstigt.“ Er hat auch keine Sorge, dass EPAs die lokale Wirtschaft benachteiligen: „Die EPAs beinhalten Schutzklauseln, die es Ländern gestatten, das Abkommen einer Überprüfung zu unterziehen, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass es ihre Wirtschaft, bestimmte Industriezweige oder Handelsbereiche negativ beeinflusst. Mit diesen Schutzklauseln tritt man auch den Befürchtungen entgegen, dass die Abkommen für immer bindend sind.“ Laut Berechnungen des World Economic Forum kann Ghana seine Erfolge durch entsprechende Reformbemühungen und Investitionen auch weiter ausbauen und gilt mit 8,3 Prozent Wirtschaftswachstum 2018 sogar als am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt.

Eine baldige Unterzeichnung der noch ausstehenden EPA-Verträge würde es anderen afrikanischen Staaten ermöglichen, durch den besseren Zugang zur EU ihre wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Vimal Shah, Vorsitzender des erfolgreichen kenianischen Lebensmittelunternehmens Bidco Africa meint: „Wir brauchen Handel nicht Hilfe. Die andauernden Hilfeleistungen halten die Afrikaner arm. Nur so können die afrikanischen Wirtschaften wettbewerbsfähiger und in den Weltmarkt integriert werden.“ Seiner Erfahrung nach bringe es nichts, junge afrikanische Unternehmen dauerhaft vor internationalem Wettbewerb zu schützen. Stattdessen müssten die Unternehmen vor Ort in der Lage sein, ihre Standards so anzuheben, dass sie international wettbewerbsfähig sind.

Vor allem der regionale Ansatz ist dabei essenziell, um nicht Konkurrenz, sondern Kooperation zwischen Nachbarn zu fördern. Protektionismus hat bislang keinem Staat und seinen Bürgern zu Wohlstand verholfen, im Gegenteil. Umso wichtiger ist es also, dass afrikanische Staaten den mit der Initialzündung einer kontinentalen Freihandelszone eingeschlagenen Weg konsequent weiter verfolgen und Wirtschaftsabkommen mit anderen Regionen nicht als Ersatz, sondern als unentbehrliche Ergänzung anerkennen.

Matthias Wachter, Abteilungsleiter Sicherheit, Rohstoffe und Subsahara-Afrika, Bundesverband der Deutschen Industrie, BDI
Kerstin Petretto, Senior Manager Subsahara-Afrika, BDI

 

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