Dynamik der regionalen Wirtschaftsintegration im südlichen Afrika

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Dynamik der regionalen Wirtschaftsintegration im südlichen Afrika

Gastbeitrag von Dirk Hansohm[1]
5.7.2018

Regionale Integration war und ist eines der Hauptziele der afrikanischen Staaten praktisch seit ihrer Unabhängigkeit – zumindest rhetorisch. Im Kern drehte es sich dabei um die Regionale Wirtschafts-Integration (RWI), dabei vor allem um Handelsintegration. Die Staatsführer erkannten früh, dass die begrenzten Märkte der kleinen oder sehr kleinen afrikanischen Länder mit noch dazu niedrigen Einkommen wettbewerbsfähige Produktion entscheidend erschwerten.

Neben der Wohlfahrtssteigerung durch größere Märkte verspricht RWI höhere Effizienz durch mehr Wettbewerb. Als Teil eines regionalen Blocks können kleine Länder auch ihre Stimme in internationalen Verhandlungen effektiver einbringen. Überzeugende Argumente, so scheint es. Sie sind nicht nur für die Mehrheit der sehr kleinen Länder wichtig, sondern auch für die großen Länder wie Südafrika und Nigeria, denn auf internationaler Ebene sind auch diese unbedeutend. Nachhaltiges Wachstum scheint auf dem Kontinent ohne regionale Integration auf längere Sicht kaum machbar.

Ambitionierte Ziele von gemeinsamen Märkten und Zollunionen bis zu gemeinsamen Währungen, die immer wieder proklamiert wurden, standen jedoch im Kontrast zu dem, was in der Realität erreicht wurde. Dieser Artikel zieht Bilanz der tatsächlichen Wirtschaftsintegration im südlichen Afrika. Ferner wird diskutiert, inwieweit die erhofften Ergebnisse der RWI erreicht wurden.

Die Southern African Development Community (SADC) mit ihren 16 Mitgliedsstaaten zielt auf tiefe politische und wirtschaftliche Integration ab und ist in der Beziehung der Vorreiter auf dem Kontinent. Außer Angola und der Demokratischen Republik Kongo (DRC) sind alle Teil der SADC Freihandelszone, die 2008 gegründet wurde. Diese hofft, durch Marktvergrößerung in der Region, aber auch international, sowie durch höhere Effizienz den Wohlstand zu vergrößern.

Dieser Artikel analysiert die Entwicklung von Kernindikatoren der Integration und Entwicklung der 15 SADC-Mitgliedsstaaten[2] während des Zeitraums 2000-2015/16. Statistische Handelsdaten über die Region sind noch immer defizitär, besonders was den intra-regionalen Handel betrifft und den ärmerer Länder. Dies führt zu einer gewissen systematischen Unterschätzung des inner-afrikanischen Handels (vergl. Sandrey 2015). Die wesentlichen Daten, auf denen dieser Artikel basiert, stammen aus der Entwicklungsindikatorendatei der Weltbank (World Bank 2017a)

Probleme der regionalen Integration im südlichen Afrika

Besondere Herausforderung der integration im südlichen Afrika ist, dass nicht nur die Zahl der Mitgliedsländer hoch ist, sondern dass sich auch ihre Größe (sowohl Bevölkerungszahl als auch Wirtschaftskraft) und ihr Entwicklungsstand stark unterscheiden. Die DRC hat die größte Bevölkerung (23% der gesamten SADC-Region, 2016), gefolgt von Südafrika und Tansania (je 17%), Angola (9%), Madagaskar (7%) und Samibia (5%). Der Anteil aller anderen Länder beträgt weniger als jeweils 5%.

Demgegenüber stellt die Ökonomie  Südafrika mehr als die Hälfte der gesamten Wirtschaftskraft von SADC dar (51,3% des Bruttoinlandsproduktes, 2016), gefolgt von Angola (15,6%), Tansania (8,3%), Sambia (3,4%) und Botswana (2,7%). Die Nationalökonomien aller anderen Länder machen nur jeweils weniger als 2% aus. Diese Unterschiede zu den Bevölkerungszahlen deuten auf die großen Unterschiede im Wohlstand der Länder hin. Das reichste SADC-Mitglied sind die Seychellen-Inselgruppe mit $ 15.076 pro Kopf Jahreseinkommen (2016). Dies ist das 50fache des Einkommens des ärmsten Landes Malawi ($ 301).

Dies sind extreme Unterschiede, viel höher als die beispielsweise unter den Mitgliedsländern der EU. Während die Gesamteffekte von RWI positiv für die Entwicklung der Region sein sollten, sind die Wirkungen nicht für alle Länder gleich. Die wirtschaftliche Integration stark unterschiedlicher Länder involviert sowohl Chancen als auch Risiken. Integration in größere Märkte kann die Möglichkeit zu Aufholprozessen der kleinen und der ärmeren Länder bieten, involviert aber auch Risiken einer Polarisierung mit zunehmend marginalisierten Ländern am Rand, während Entwicklungspole einen Schub erfahren.

Ein gemischtes Bild der Handelsintegration

Das einfachste Maß des Integrationsgrades eines Landes durch Handel ist die Summe des gesamten Handels als Prozentsatz der Wirtschaftsleistung. Ein Vergleich der Jahre 2000 und 2016 zeigt, dass etwas über die Hälfte (neun Länder) der SADC-Mitglieder 2016 stärker integriert war als 16 Jahre vorher. Nur drei Länder zeigte ununterbrochenes relatives Wachstum des Handels (Mosambik, Seychellen und Sambia), während zwei einen umgekehrten negativen Trend aufwiesen (Angola und Swasiland). Auf der anderen Seite hatten neun Länder negatives Handelswachstum in den letzten Jahren auf. Kurz gesagt, war der Fortschritt der Handelsintegration in der Region sehr gemischt.

Es ist ferner bedenkenswert, dass abgesehen von Mauritius alle Länder, die negatives Handelswachstum aufwiesen, zu den ärmeren Ländern gehörten. Das bedeutet, dass ärmere Länder stärker isoliert wurden und die Region weniger wirtschaftlich integriert ist.

Sinkender intra-SADC Handel

Erstes Ziel von RWI ist die Schaffung eines gemeinsamen Marktes. Ein gutes Zeichen dafür ist steigender Handel zwischen den Mitgliedsländern. Nach den Zahlen von Chidede (2017) macht der intra-SADC Handel nur 10% des gesamten Handels aus – verglichen mit 24% in Südostasien (ASEAN) und 40% in der EU. Darüber hinaus war dieser Handel 2014 geringer als 2000, d.h. er war geringer nach der Unterzeichnung des SADC Handelsprotokolls als vorher. Südafrika dominiert den SADC-Handel. (51,4%). Beobachter führen die enttäuschende Entwicklung auf die schwachen Implementierungsmechanismen des Protokols zurück (Mushonga und Ikhide(2017). Während in SADC generell die Zölle reduziert wurden, bleibt ihre Struktur komplex und zu hoch für Zwischenprodukte. Nicht-tarifäre Handelshemmnisse steigern die Kosten und Schwierigkeiten, Güter zu transportieren.

Stolpersteine für den Privatsektor

Nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Beschäftigung und regionale Integration hängen von dynamischen privaten Unternehmen ab. Daher sind die Rahmenbedingungen für Unternehmen entscheidend für den Erfolg von RWI. Ein sich vertiefender regionaler Markt gibt auch einen Schub für den Privatsektor.

Ein gutes Maß für die Rahmenbedingungen sind die ‚ease of doing business‘ Indikatoren der Weltbank, die zehn Faktoren messen. Diese Indikatoren zeigen ein ernüchterndes Bild: Nur drei Länder verbesserten die Rahmenbedingungen zwischen 2005 und 2016 – die große Mehrheit, eingeschlossen alle großen Länder, wiesen einen eindeutigen Trend der Verschlechterung auf. Während einige Länder im internationalen Vergleich relativ gute Indikatoren aufweisen, bieten andere die weltweit schwierigsten Bedingungen.

Einer der Teilindikatoren bezieht sich auf den Außenhandel. Ein Ziel der RWI ist die Erleichterung des regionalen Handels durch Zollsenkungen und Reform der nicht-tarifären Hemmnisse. Solche Reformen sind zentral für die SADC-Agenda. In der Realität erleichterten jedoch nur acht SADC Mitglieder die Rahmenbedingungen zwischen 2010 und 2016.

Entwicklungsergebnisse: Enttäuschendes Wachstum

Die Realität zeigt, dass auf der einen Seite sechs Länder ein hohes Wachstum erzielen konnten. Sechs ärmere Länder konnten, wenn auch langsam, sich dem regionalen Mittel annähern. Zwei reichere Länder (Südafrika und Swasiland) näherten sich durch langsameres Wachstum ebenfalls dem Mittel an. Alles in allem zeigt die Region ein Bild der Differenzierung und keines der Konvergenz. Sowohl 2000 als auch 2016 war das BIP pro Kopf des reichsten Landes 60 mal so hoch wie das des ärmsten. Interessanterweise waren diese beiden Länder die gleichen wie 2000: Seychellen und Malawi. Wegen der unterschiedlichen Wachstumsraten hat sich das relative Gewicht der Mitgliedsländer verschoben. Während die Bedeutung von Angola sich fast vervierfachte, schrumpfte das Gewicht der DRC um ein Drittel. Am markantesten ist aber der relative Abstieg von Südafrika (von 64% auf 51,3).

Kein Fortschritt in globaler Konvergenz

Neben regionaler Konvergenz versprechen Handelsliberalisierung und RWI auch einen Aufholprozess der Region zu den reicheren Ländern – eine globale Konvergenz. Diesbezüglich weist das südliche Afrika die gleiche Entwicklung wie der Kontinent als ganzer auf. Das erste Jahrzehnt zeigte einen Trend der Konvergenz auf: Während ihr Prokopfeinkommen im Jahr 2000 17,8% des durchschnittlichen Welteinkommens betrug, war es 2010 22,7%. Im Jahr 2016 betrug es jedoch nur noch 17,0%. Das heißt, betrachtet man die gesamte Periode, so zeigt sich eine schwache Divergenz. Es ist der Region in diesen 16 Jahren nicht gelungen, sich dem globalen Wohlstandsniveau anzunähern. (siehe Kappel 2018).

Regressiver Strukturwandel und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit

Die Basis nachhaltigen Wachstums ist ein wirtschaftlicher Strukturwandel von Landwirtschaft mit niedriger Produktivität und dem Abbau von Mineralien hin zu Industrie und Dienstleistungen. Nur so können kontinuierliche Produktivitätssteigerungen und Wohlfahrtsgewinne erreicht werden. RWI könte zu einem solchen Strukturwandel beitragen und ist auch Priorität der SADC-Aktivitäten. Die Realität zeigt jedoch einen klaren Trend der Deindustrialisierung. Nur drei Länder – Botswana, DRC und Madagaskar – weisen gewisse Industrialisierungserfolge auf.

Die Wettbewerbsfähigkeit nationaler Ökonomien ist Schlüssel zu nachhaltigem und produktivitätsgetriebenem Wachstum. RWI kann durch größere Märkte zu höherer Wettbewerbsfähigkeit und Proiduktivität beitragen. Das World Economic Forum misst regelmäßig Wettbewerbsfähigkeit in 12 Bereichen (Institutionen, Infrastruktur, Ausbildung, u.a.) im Global Competitiveness Index. Die Daten des Jahres 2017 verglichen mit 2010  zeigen jedoch, dass nur sechs von 14 Ländern  höhere Indikatoren aufweisen.

Qualität der Regierungsführung

Die Wichtigkeit der Qualität der Regierungsführung (‚governance‘) ist unumstritten. Gute Regierungsführung fördert RWI, während diese auch umgekehrt die Bedingungen für gute Regierungsführung verbessert. Genau wie Wettbewerbsfähigkeit, fasst auch dieser Begriff verschiedene Dimensionen zusammen. Die von der Weltbank jährlich detaillliert gemessenen ‚governance indicators‘ unterscheiden sechs Subindikatoren. Am wichtigsten für RWI sind davon Mitspracherecht und Rechenschaftspflicht, politische Stabilität und Abwesenheit von Gewalt, sowie Leistungsfähigkeit der staatlichen Verwaltung. Was Mitspracherecht und Rechenschaftspflicht betrifft, so zeigen einige der reicheren und am höchsten entwickelten Länder (wie Südafrika, Mauritius und Botswana) sinkende Werte. Aber eine Mehrheit (9 von 16), eingeschlossen die meisten der größeren, haben sich verbessert.

Politische Stabilität und Abwesenheit von Gewalt haben sich insgesamt positiv entwickelt. Aber auch hier zeigen sich große Unterschiede: Wenn auch alle großen Länder (sowohl in Begriffen der Bevölkerung und Wirtschaft) bei diesem Trend dabei waren, so doch beileibe nicht alle (9 von 16). Was die Leistungsfähigkeit der staatlichen Verwaltung betrifft, so zeigt sich auch hier kein einheitliches Bild: Während sechs Länder ihre Position verbesserten, verschlechterten sich sieben, eingeschlossen einiger der größeren Länder (Südafrika, Tansania, Madagaskar und Simbabwe). Dies ist alarmierend, denn sowohl effektive RWI als auch nachhaltiges Wachstum sind kaum vorstellbar bei niedriger und sinkender staatlicher Leistungsfähigkeit. Zwei der Spitzenreiter in sowohl wirtschaftlicher Entwicklung als auch staatlicher Leistungsfähigkeit (Botswana und Namibia) stagnierten auf relativ bescheidenem Niveau. Sie scheinen in einer Art von ‚middle-income trap‘ gefangen zu sein.

Ausblick

Wie dieser Überblick zeigt, sind die Entwicklung der RWI im südlichen Afrika und ihre Ergebnisse ernüchternd. Während einige Erfolge erzielt wurden, blieb der Gesamtfortschritt weit hinter den Erwartungen und Möglichkeiten zurück. Wenige Zeichen der regionalen Konvergenz sind zu erkennen. Die Region ist kaum stärker zusammengewachsen. Wirtschaftspolitiken und ihre Ergebnisse waren auch sehr unterschiedlich. Es ist der Region auch nicht gelungen, den Entwicklungsabstand zu den reichen Ländern zu verringern. Hauptgrund für die mangelnde regionale Konvergenz ist der äußerst geringe Fortschritt der geplanten und vereinbarten Schritten der RWI.

Während die Bedingungen für den Privatsektor, den zentralen Motor der RWI, sich auch recht unterschiedlich entwickelten, war der Gesamttrend in der Region disillusionierend. In den meisten Ländern wurden die Bedingungen schwieriger. Es gibt zwar Vorbilder erfolgreichen langfristigen und relativ nachhaltigen Wachstums (besonders Mauritius und Botswana), aber diese sind wesentlich Ergebnis nationaler Wirtschaftspolitiken und einer guten Portion Glück – nicht der RWI. Darüber hinaus stehen auch diese Länder jetzt vor einer Reihe von Hindernissen, die nicht einfach zu überwinden sein werden.

Ohne neue dynamische Entwicklungsanstrengungen, die über die traditionellen Ansätze hinaus gehen, werden die Erwartungen und Hoffnungen der Bevölkerungen zunehmend frustriert werden. Solche Anstrengungen werden RWI beinhalten müssen, einfach wegen der Größe, oder dem Mangel an dieser, der Länder des südlichen Afrika.

Literaturangaben

Chidede, Talkmore, 2017, Intra-SADC trade remains limited: How can it be boosted?, tralac discussion note, 2 August

Kappel, Robert (2018), Afrika drängt nicht Nach vorn, https://weltneuvermessung.wordpress.com/2018/05/23/afrika-draengt-nicht-nach-vorn/

Mushonga M and S. Ikhide, 2017, An evaluation of the effectiveness of Trade Protocol on Non-Tariff Barriers to Trade in the SADC Free Trade Area’ in Hartzenberg T & Erasmus G (eds) Monitoring Regional Integration: Yearbook 2015/2016. tralac: Stellenbosch.

Sandrey, Ron, 2015, Intra-African trade: An analysis, tralac Working Paper 515, WP 08/2015

World Bank, 2017a, World Development Indicator data base (https://data.worldbank.org/indicator), accessed in October 2017

World Bank, 2017b, Doing business indicators, http://www.doingbusiness.org, accessed in October 2017

World Bank, 2017c, World governance indicators, govindicators.org, accessed in October

World Economic Forum (WEF), various years, Global Competitiveness Reports

[1] Dieser Beitrag beruht auf dem Artikel Dynamics of economic regional integration in Southern Africa 200-15 für das Monitoring Regional Integration in Southern Africa Yearbook 2017/18 des Verfassers (im Erscheinen).

[2] Comoros ist nicht eingeschlossen, weil dieses Land SADC erst im August 2017 beitrat.

 

Siehe weiteren Beitrag auf Weltneuvermessung
Die Afrikanische Freihandelszone – ein starkes Zeichen für den Welthandel https://wordpress.com/post/weltneuvermessung.wordpress.com/1274

 

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