Europas Wirtschaftsbeziehungen mit Afrika: zu wenig und zu asymmetrisch, aber bedeutsamer

Kommentare zu Deutschlands Vorsitz im Rat der Europäischen Union Nr. 5:
Europas Wirtschaftsbeziehungen mit Afrika: — zu wenig und zu asymmetrisch, aber bedeutsamer
Thomas Bonschab und Robert Kappel

Europäische Länder haben den afrikanischen Kontinent in den vergangenen Jahren mit Strategien und Sonderinitiativen geradezu überschüttet. Die Gründe liegen vor allem daran, dass Europa dringend eine Antwort auf die wachsenden Flüchtlingszahlen vor allem aus Nordafrika sowie die wachsende geopolitische Präsenz Chinas auf dem Kontinent insgesamt sucht. Es geht dabei weniger um die ernsthafte Einbettung afrikanischer Länder in die globale Wertschöpfung als um die Stabilität innerhalb Europas und den Versuch, den eigenen globalen Bedeutungsverlust abzubremsen.

Afrikas weltweite wirtschaftliche Integration verharrt stabil auf niedrigem Niveau. Der Anteil des Kontinents am Welthandel liegt unter 3 Prozent. 1980 betrug dieser noch 4,6%, fiel auf unter 2% während der 1990er Jahre, um in der Phase nach 2000 leicht anzusteigen. Dies ist vor allem auf die steigende Nachfrage nach Rohstoffen Chinas (auch mit steigenden Preisen für Exportprodukte, sowie steigender Auslandsdirektinvestitionen (ADI) zurückzuführen, die zu mehr Handel beitrugen.[1] Dieses Gesamtbild gilt es im Auge zu behalten, wenn wir im Folgenden etwas detaillierter die Entwicklungen im Bereich Handel und Investitionen betrachten.[2]

Außenhandel Afrikas wird von Europa dominiert

Die EU ist Afrikas größter Handelspartner, wenngleich die Anteile seit einigen Jahren sinken. Dies hat vor allem damit zu tun, dass die europäischen Länder ihre Rohstoffeinfuhren diversifiziert haben und andere Länder – wie China, Indien, die Türkei, die Golfstaaten – ihren Aufstieg mit der Ausweitung ihres Rohstoffhandels verbunden haben. Im Jahr 2018 erreichte der Warenhandel zwischen den 27 EU-Mitgliedstaaten und Afrika einen Gesamtwert von 235 Mrd. EUR – dies entspricht 32 % des gesamten afrikanischen Außenhandelsvolumens. Im Vergleich dazu erreichte der Außenhandel Afrikas mit China einen Wert von 125 Mrd. EUR (17 %) und mit den USA 46 Mrd. EUR (6 %).[3] Während die meisten Handelspartner Afrikas im Rohstoffhandel tätig sind, weist die EU den stärksten Zuwachs bei der Nachfrage nach Afrikas Produkten mit höherer Wertschöpfung auf.

Die Handelsbeziehungen zwischen der EU und afrikanischen Ländern sind zwar eng verknüpft, aber weiterhin extrem asymmetrisch: Knapp 30 % aller afrikanischen Exporte gehen in die EU. Für Afrika ist die EU-27 mit 31 % der Exporte und 29 % der Importe (darunter Frankreich 6,9%, Deutschland 6,6%) bei weitem der wichtigste Partner. Hingegen ist Afrika für die EU als Absatzmarkt fast ohne Bedeutung (1980 noch 6,6%, 1990: 3,2%; 2019: unter 1%). China zeichnet für 11% der Exporte und 16% der Importe. Lediglich 4% des chinesischen Handels werden mit Afrika abgewickelt.[4]

Industriegüter dominieren die europäischen Exporte nach Afrika. Im Jahr 2009 waren 77 % der aus der EU nach Afrika exportierten Waren Fertigwaren, Kapital- und Konsumgüter. Dieser Anteil fiel auf 70 % im Jahr 2019, während der Anteil der Primärgüter von 20 % auf 28 % stieg. Große Bedeutung haben auch Nahrungsmittelexporte, die seit den 1980er Jahren ca. 14% der europäischen Gesamtexporte ausmachten.

Afrika exportiert meist unverarbeitete Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte (Tabelle 1). Zwischen 2009 und 2019 ging ihr Anteil jedoch von 77 % auf 66 % zurück, was hauptsächlich auf den sinkenden Anteil der Ausfuhren an Energie durch fallende Öl- und Gaspreise zurückzuführen ist. Im gleichen Zeitraum steigt der Anteil der Industriegüter von 21 % auf 32 %. Dieser wurde hauptsächlich durch den Anstieg der Ausfuhren von Maschinen und Fahrzeugen aus Südafrika und einigen nordafrikanischen Ländern hervorgerufen. In diesen Ländern haben vor allem europäische Unternehmen in industriellen Sektoren investiert, und exportieren von Marokko, Tunesien und Ägypten in die Europäische Union.

Tabelle 1: Ausfuhren afrikanischer Länder nach Europa, Anteile in Prozent, 2009-2019

PrimärgüterFertigwaren
200976,621,4
201076,021,9
201175,522,5
201280,517,8
201377,820,3
201473,924,4
201566,629,8
201660,836,5
201762,634,4
201866,131,5
201965,832,1

Quelle: Eurostat – Comext DS-018995

Die Handelskooperation gerade mit Nordafrika hat sich deutlich vertieft. Nordafrika ist bei weitem der größte afrikanische Partner im Außenhandel mit der EU. Die Warenexporte der EU nach Nordafrika stiegen von 54 Mrd. EUR im Jahr 2009 auf 76 Mrd. EUR im Jahr 2019, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 3,5 % entspricht.

Frankreich (27 Mrd. EUR), Deutschland (24 Mrd. EUR), Spanien (19 Mrd. EUR), die Niederlande und Italien (jeweils 17 Mrd. EUR) waren im Jahr 2019 die größten Exporteure von Waren nach Afrika. Die fünf größten Exporteure waren 2019 auch die größten Importeure von Gütern aus Afrika. Spanien (27 Mrd. EUR) führte, gefolgt von Frankreich (24 Mrd. EUR), Italien, Deutschland (beide 21 Mrd. EUR) und den Niederlanden (16 Mrd. EUR).

Europäische Investoren dehnen ihren Einfluss aus

Grundlegend bleibt der afrikanische Kontinent eine Randregion der internationalen Investitionstätigkeiten. Betrug der Anteil Afrikas 1967 noch ca. 5,3%, so fielen die Anteile auf 2,6% (1980) und auf ca. 2% (2018).

Die europäischen Direktinvestitionen im Jahr 2017 beliefen sich auf 222 Mrd. € (Kapitalbestand) und waren damit mehr als fünfmal so hoch wie die der USA (42 Mrd. €) und China (38 Mrd. €). Unternehmen aus Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Italien sind die wichtigsten europäischen Investoren auf dem Kontinent. Chinesische Auslandsdirektinvestitionen sind zwar stark angestiegen, die Zuflüsse liegen aber hinter den USA, Großbritannien, Frankreich auf Rang 4. Chinas Bestand an ADI in Afrika ist also im Vergleich zu dem der europäischen Länder nach wie vor gering – er macht ca. 15% der europäischen Gesamtbestände aus. Allein gegenüber den USA kann China von einem Bedeutungsgewinn sprechen.


Quelle: SAIS, http://www.sais-cari.org/chinese-investment-in-africa

Die stark ansteigenden italienischen und vor allem niederländischen Investitionen gleichen den Rückgang der ADI aus Frankreich und Großbritannien aus. Frankreich, einst die wichtigste Wirtschaftsmacht auf dem afrikanischen Kontinent, verliert seine führende Position.

Allein Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland besitzen zusammen im Jahr 2015 über 20% der ADI. Gegenüber 2009 (mit 19,5%) hat sich der europäische Anteil damit sogar noch erhöht. US-amerikanische Firmen haben de-investiert (Abbildung 1). Nichtsdestotrotz gehören amerikanische Firmen zu den wichtigsten Investoren auf dem afrikanischen Kontinent (siehe Abbildung 2). Auch Südafrika (von 2,6% auf 3,5%) und China (1,5% auf 4,3%) haben deutliche Ausweitungen ihrer Bestände vorgenommen, während Indien bei 2% stagniert. China verzeichnet Bestandszuwächse von USD 30 Mrd. in der Zeit von 2010 bis 2018 (also weit mehr als eine Verdopplung). Der Anteil der aufgelisteten EU-Länder stieg um USD 34 Mrd. D.h. EU-Investitionen haben in den letzten Jahren sogar noch an Bedeutung gewonnen. Der Abstand zu China und den USA hat sich weiter vergrößert.

Quelle: UNCTAD, World Investment Report, verschiedene Jahrgänge; https://appsso.eurostat.ec.europa.eu/nui/show.do?dataset=bop_fdi6_pos&lang=fr

Große Unterschiede bestehen in der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen durch ADI. Deutsche Investoren stellen im Vergleich zu den Unternehmen aus den USA, Frankreich, Großbritannien, China, Südafrika und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) weitaus mehr Arbeitsplätze/Investition zur Verfügung. Der Grund ist, dass Deutschland vor allem in der verarbeitenden Industrie tätig ist. Allerdings ist die hohe Anzahl der geschaffenen Jobs im Wesentlichen auf die hohen industriellen Investitionen in Südafrika und Nordafrika zurückzuführen. Allesamt sind diese Länder Mitteleinkommensländer mit einer sich entwickelnden Mittelschicht, relativ differenzierter Industriestruktur und relativ bedeutender verarbeitender Industrie.

China wie auch Indien haben es sehr gut verstanden, sich als Netzwerker in afrikanischen Ländern aufzustellen. Die afrikanisch-chinesische Kooperation hat sich deutlich vertieft und damit haben sich auch die Spielräume der afrikanischen Länder, sich von der allzu großen postkolonialen Abhängigkeit von Europa zu befreien, erweitert. Dennoch ist Vorsicht geboten mit einer zu optimistischen Bewertung Chinas. Gerade die hohen Rohstoff- und Infrastrukturinvestitionen[5] und die Struktur des Außenhandels verdeutlichen, dass China wie Europa und die USA eher zu den bereits bestehenden Asymmetrien beitragen.[6] Die Verbindungen zur lokalen Industrie und zu mittelständischen Unternehmen bleiben eher marginal.


Quelle: nach Daten von FDI Intelligence und EY Africa Attractiveness Report 2019: 18, UNCTAD, World Investment Report 2019. Vgl. African Development Bank (2020), Intra-African Foreign Direct Investment (FDI) and Employment: A Case Study, Abidjan: Working Paper 335. https://www.afdb.org/en/documents/working-paper-335-intra-african-foreign-direct-investment-fdi-and-employment-case-study

Die Länder der EU sind in jeder Hinsicht der wichtigste externe Wirtschaftsakteur. Sie haben ihre Position – auf niedrigem Niveau – eher weiter ausgebaut als zurückgefahren. Gerade durch den steigenden Anteil von industriellen und Dienstleistung-ADI – und weniger in den Rohstoff-ADI – festigen die europäischen Unternehmen ihre wirtschaftliche Position. Dennoch ist auch hier Vorsicht geboten: Entgegen allen Beteuerungen sind ADI und Handel – auch der der EU – nicht von wirkmächtiger Ausstrahlung. Es werden weder viele Arbeitsplätze geschaffen (wenngleich einige hochwertige Investitionen einen Schub für Wissen und Technologietransfer hervorrufen), noch bedeutsame Inputs für die industrielle Entwicklung und der afrikanischen Landwirtschaft gegeben. Dies hat mit asymmetrischen Handelsbeziehungen, mit geringen Verknüpfungen der ADI mit der lokalen Industrie und vor allem mit der endogenen Dynamik der Wirtschaftsentwicklung Afrikas zu tun, die weniger denn je von externen Transfers abhängt.

Europa darf seine Chance nicht verpassen

Europa hat als Partner für Handel und Investitionen nicht nur die wichtigste Rolle in Afrika, es hat auch potenziell den größten Hebel, um in Partnerschaft mit afrikanischen Ländern und deren Wirtschaftsakteuren einen Entwicklungsprozess anzustoßen, der den Anteil Afrikas am Welthandel dauerhaft erhöht. Eine Reduktion der Handelsasymmetrien ist dabei Voraussetzung. Hoffnung macht die Diagnose, dass zumindest einige europäische Länder erkannt zu haben scheinen, dass sich mit beschäftigungsintensiven Investitionen und einer Anbindung an lokale Wertschöpfung gute Geschäfte machen lassen.

Eines aber ist sicher: Entgegen allen Behauptungen in der Öffentlichkeit haben die EU-Länder ihre Präsenz auf dem Kontinent ausgebaut. Europas Engagement ist bei weitem wichtiger als das Chinas, das in der europäischen Öffentlichkeit immer wieder mit dem Gespenst von Dominanz und Abhängigkeit charakterisiert wird.

Im Oktober 2020 finden die Verhandlungen der EU mit afrikanischen Länder für einen neuen Kooperationsvertrag statt. Die Beratungen sollten in ein neues Kooperationsmodell mit Afrika münden, das die Entwicklung der afrikanischen Märkte, Unternehmen und Farmen in den Mittelpunkt stellt und vor allem der Wertschöpfung vor Ort eine andere Bedeutung zukommen lässt. Das würde auch europäischen Interessen dienen. Die einseitige Ausrichtung auf Rohstoffexporte, Rohstoffinvestitionen und die eher geringe Verbindung zur lokalen Industrie, zu Klein- und Mittelunternehmen stehen dem afrikanischen Transformationsprozess entgegen.

Die Bundesregierung sollte die Beratungen in der EU und mit den afrikanischen Institutionen nutzen, um zu einem Schwenk in der Kooperation beizutragen. Dafür wäre es erforderlich die europäische Handels-, Investitions- und Landwirtschaftspolitik von ihren besten Potenzialen her abzuholen und entsprechend zu reformieren.[7]

Endnoten

[1]  Robert Kappel, Birte Pfeiffer und Helmut Reisen (23.6.2016), Wie Chinas Neuausrichtung Afrikas Wachstum beeinflussen wird, Blog Ökonomenstimme. https://www.oekonomenstimme.org/artikel/2016/05/wie-chinas-neuausrichtung-afrikas-wachstum-beeinflussen-wird/ vgl. Robert Kappel und Helmut Reisen (2019), Compact with Africa – The Audacity of Hope, Berlin: FES. https://www.fes.de/en/shaping-a-just-world/peace-and-security/article-in-peace-and-security/study-g20-compact-with-africa 

[2] Der Beitrag fußt auf der Studie Robert Kappel (2020, i.E.), Europa – Afrika. Die Neuorientierung in Angriff nehmen, Berlin: FES. Siehe auch Robert Kappel (2020), Africa-Europe Economic Cooperation. Using the Opportunities for Reorientation. Berlin, Brussels: https://www.fes.de/referat-afrika/eu-afrika-beziehungen.

[3] Vgl. Eurostat (2020), Africa-EU – International Trade in Goods Statistics, https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Africa-EU_-_international_trade_in_goods_statistics#Africa.E2.80.99s_main_trade_in_goods_partner_is_the_EU

[4] GTAI (2018), China agiert in Afrika zielorientiert und flexibel, Berlin: GTAI. https://www.gtai.de/gtai-de/trade/wirtschaftsumfeld/bericht-wirtschaftsumfeld/china/china-agiert-in-afrika-zielorientiert-und-flexibel-15670

[5] Vgl. Andrea de Meo (2020), Political Risk in Infrastructure Investments in Sub-Saharan Africa, in Carlo Secchi und Alberto Belladonna, Hrsg., Infrastructure in a Changing World, Milano: ISPI: 47-56. https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/political-risk-and-investment-infrastructure-23297; vgl. Gabriel Felbermayr, Moritz Goldbeck und Alexander-Nikolai Sandkamp (2019), Chinas ausländische Direktinvestitionen: Ein Überblick, Kiel Policy Brief, No. 123, Kiel: Institute for the World Economy (IfW). https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/kiel-policy-briefs/2019/chinas-auslaendische-direktinvestitionen-ein-ueberblick-12545/

[6] Hannah Timmis und Mikaela Gavas (14.11.2019), What Does China’s Investment in Africa Mean for Europe? Blog CGDEV, https://www.cgdev.org/blog/what-does-chinas-investment-africa-mean-europe; nach Angaben der China-Africa-Research Initiative (CARI) ist China heute der größte bilaterale Gläubiger in der Region mit 20% der öffentlichen Auslandsschulden Afrikas, siehe Deborah Brautigam (17.8.2020), China, the World Bank, and African Debt: A War of Words , The Diplomat, https://thediplomat.com/2020/08/china-the-world-bank-and-african-debt-a-war-of-words/ vgl. GTAI (2018),  China in Afrika – Perspektiven, Strategien und Kooperationspotenziale für deutsche Unternehmen, Berlin: GTAI; Poorva Karkare, Linda Calabrese, Sven Grimm und Alfonso Medinilla (2020), European Fear of ‚Missing Out‘ and Narratives on China in Africa, Brussels: ETTP: https://ettg.eu/2020/07/17/european-fear-of-missing-out-and-narratives-on-china-in-africa/

[7] Vgl. Thomas Bonschab und Robert Kappel (2020), Ankündigen und Umsetzen. Für eine konsequentere Afrika-Agenda des BMZ während der deutschen Ratspräsidentschaft, https://weltneuvermessung.wordpress.com/2020/08/24/ankuendigen-und-umsetzen-fuer-eine-konsequentere-afrika-agenda-des-bmz-waehrend-der-deutschen-ratspraesidentschaft/

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