Chinas Firmenaufkäufe und der SVR

Germany for sale

Chinas Firmenaufkäufe und der SVR, von Helmut Reisen

Warum sträubt sich ein Land gegen Direktinvestitionen und Übernahmen aus dem Ausland? In vielen Entwicklungsländern, vornehmlich in Lateinamerika, wurde die Frage dependenztheoretisch beantwortet: Die Investitionen multinationaler Unternehmen verfestigen die nachrangige Position der armen Peripherie in der Weltwirtschaft auch nach der Dekolonialisierung. In Industrieländern werden Übernahmen systematisch behindert, wenn nationale Sicherheitsinteressen, räumlich konzentrierte Arbeitslosigkeit und Reziprozitätsmaßnahmen vorliegen.

In seinem Jahresgutachten 2016/17 plädiert die Mehrheit des Sachverständigenrates zur Begutachtung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) für eine unilaterale Offenheit gegenüber chinesischen Investoren; in seinem Minderheitenvotum fordert Peter Bofinger dagegen im Einklang mit der deutschen Regierung Reziprozität bei Direktinvestitionen, eine Strategie des tit-for-tat („wie Du mir, so ich Dir“).

Die Strategie der reziproken Liberalisierung wurde vom Spieltheoretiker Robert Axelrod (1984) entwickelt. Anlass waren vor gut drei Jahrzehnten die japanischen Direktinvestitionen, die in den USA und Europa protektionistische Diskriminierungsreflexe stimulierten. Heute wie damals lädt die Strategie der reziproken Öffnung des Kapitalverkehrs zu Vergeltungsmaßnahmen ein, die im Falle des riesigen Absatzmarktes Chinas der deutschen Industrie sehr schaden können.

Vergeltungsmaßnahmen sind bei wissensintensiven High-Tech-Industrien besonders wahrscheinlich. Die meisten Politiker betrachten die Hi-Tech-Ansiedlung in den eigenen Grenzen als Angelegenheit von ´ strategischer´ Bedeutung. Sicherheitspolitische Bedenken verstärken die Abwehrreaktionen, wenn Staatsunternehmen als Käufer auftreten, heute besonders im Falle der chinesischen Staatsunternehmen. Der Widerstand vieler Medien und Politiker gegen lobbyistische Einflüsterungen fällt daher entsprechend niedrig aus. Dieser Abwehr steht allerdings der Einwand entgegen, dass bei hohem Wettbewerbsgrad und niedrigen Umstellungskosten in rüstungsnahen Bereichen die sicherheitspolitischen Begründung von Übernahmeverboten wegfällt.

Dieser Beitrag plädiert für einen mittleren Weg zwischen Mehrheits- und Minderheitenvotum des Sachverständigenrates. Er erarbeitet Kriterien für eine Einzelfallprüfung und für reziproke Öffnung bei chinesischen Direktinvestitionen, welche gegen die potenziell hohen Kosten durch chinesische Vergeltungsmaßnahmen abzuwägen sind. Ein Beispiel: Der restriktive Genehmigungsprozess Chinas im Rahmen des ´National Security Review´ wurde erst als Antwort auf das amerikanische System des CFIUS eingeführt. Das Committee of Foreign Investment in the United States (CFIUS) ist ein ressortübergreifender Ausschuss der US-Regierung zur Kontrolle von Auslandsinvestitionen.

In Einklang mit der inzwischen vorherrschenden Lehrmeinung hat China seinen Kapitalverkehr graduell (anstatt abrupt) liberalisiert. Der Restriktionsindex der OECD ermittelt Eigentumshindernisse, Genehmigungsbarrieren, Personalvorschriften und weitere Restriktionen wie auf Landerwerb und Gewinnrückführungen.  Seit 2005 misst dieser Index, der von 0 (völlig offen) bis 1 reicht (abgeschottet),  einen Rückgang von 0,56 bis auf zuletzt 0,38 Indexpunkte. Es ist auffällig, dass die Forderungen nach Reziprozität bei Firmenübernahmen zugenommen haben, obwohl der Restriktionsindex der OECD für China eine graduelle Öffnung anzeigt.

Deutschland, nicht China, hat in den letzten Jahren laut dem 20. Global Trade Alert (GTA) Bericht die Öffnung seiner Außenwirtschaft deutlich eingeschränkt. Protektions-Ranking der G20-Staaten – die Anzahl protektionistischer Maßnahmen seit dem ersten G20-Gipfel im November 2008 weist Deutschland Platz 6 von 20 zu. Im Gegensatz dazu haben es nur Argentinien und China unter den G20-Staaten unterlassen, den Protektionsgrad ihrer Außenwirtschaft in den Jahren 2015/16 zu verschärfen. Laut GTA-Bericht ist China von Deutschlands Protektionsmaßnahmen am meisten betroffen: Seit November 2008 wurde China durch Deutschland mit mehr als 60 Protektionsmaßnahmen überzogen. Bundeswirtschaftsminister Gabriels retroaktive Rücknahme einer Übernahmeerlaubnis ist auch kompatibel mit einer weiteren Beobachtung des GTA-Berichts: Der wirtschaftspolitische Unsicherheitsindex diagnostiziert für Deutschland eine seit 2008 noch nie gemessene Erratik in der Periode 2015-16.

Seitdem Adam Smith seinen Wohlstand der Nationen im Jahr 1776 veröffentlichte, hat die vorherrschende Lehrmeinung die unilaterale Öffnung der reziproken Liberalisierung vorgezogen. Der SVR begründet sein Plädoyer für offene Kapitalmärkte auch im Hinblick auf chinesische Staatsunternehmen mit dem Theorem des „Free Trade for One“. Es kann allerding mit einem von Henning Klodt vorgestellten Handelsmodell gezeigt werden, dass ein genereller Unilateralismus schaden kann.

Das Handelsmodell identifiziert drei Bedingungen, die gleichzeitig vorliegen müssen, damit Deutschland ein Schaden durch ausländische Firmenaufkäufe erwächst:

  • Die Übernahmen lösen einen Technologietransfer aus,
  • verschlechtern die Austauschraten des Deutschlands und
  • Deutschland war Nettoausfuhrland in der Branche des übernommenen Unternehmens.

Regelgebundene Zulassungsverfahren für Unternehmenskäufe durch das Ausland sollten sicherstellen, dass diese drei Bedingungen alle vorhanden sind, bevor eine Untersagung ins Auge gefasst wird. Diese Bedingungen vermeiden auch Diskriminierungen bestimmter Staaten wie China, folglich auch willkürliche Staatseingriffe und handelspolitische Zerwürfnisse. Die bilaterale Beurteilung von Chinas kommerzieller Fairness verlottert leicht zu wohlfeiler Selbstgerechtigkeit. Die Strategie des tit-for-tat, die bei Deutschlands  Politikern und Lobbyisten derzeit viel Anklang findet, wird leicht durch protektionistische Kräfte gekapert. Mit der Globalisierung seit kurzem auf dem Rückzug, sollte im Zweifel der unilateralen Offenheit der Vorzug gegeben werden.

Holen die BRICS auf? Auslandsdirektinvestitionen in Afrika – eine empirische Darstellung

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Robert Kappel

Gegenwärtig werden drei politisch motivierte Vorurteile zu den Auslandsdirektinvestitionen (ADI, FDI) und zur Rolle der ausländischen Finanzzuflüsse in Afrika verbreitet: 1. China wäre einer der wichtigsten Investoren auf dem Kontinent und würde ihn aufkaufen.[1] 2. Fast alle Investitionen würden in den Rohstoff- und Energiesektor fließen. 3. Ausländische Finanzzuflüsse würden die zentrale Rolle im Entwicklungsprozess Afrikas spielen.

Eine statistische Analyse zeigt, welche Trends es gibt.

  1. Aus welchen Ländern kommen die Investoren?

Hierzu ist es sinnvoll, sich die Bestände an Auslandsdirektinvestitionen sowie die Zuflüsse genauer anzuschauen. Tabelle 1 demonstriert eindeutig, dass Großbritannien mit 9%, die USA mit 8,6% und Frankreich mit 7% über die höchsten Bestände an Investitionen in Afrika (Nordafrika plus sub-Sahara Afrika, Figure 1) verfügen. Die der EU überragen bei weitem alle anderen Investoren, wobei Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland zusammen im Jahr 2015 allein über 20% besitzen. Gegenüber 2009 (mit 19,5%) hat sich der europäische Anteil damit sogar noch erhöht. Auch der Anteil der USA ist von 7,4% (2009) auf knapp 10% (2015) gestiegen. Erstes Ergebnis: Die europäischen und US-amerikanischen Investitionen besitzen bei weitem den größten Anteil am ADI-Gesamtbestand in Afrika.

Die BRICS-Länder Südafrika (von 2,6% auf 3,5%) und China (1,5% auf 4,3%) haben deutliche Ausweitungen ihrer Bestände vorgenommen, während Indien bei 2% stagniert. Als Gruppe haben diese drei Länder ihren Anteil von 6,1% auf 9,8% steigern können. Den größten Bestandszuwachs verzeichnet China mit einem Plus von USD 23 Mrd. (also weit mehr als eine Verdopplung) während der letzten fünf Jahre, gefolgt von den USA mit USD 20 Mrd und Großbritannien mit USD 18 Mrd. Der Anteil der aufgelisteten EU-Länder stieg um USD 34 Mrd. Zweites Ergebnis: die Bedeutung der EU-Investitionen ist in den letzten Jahren sogar noch stärker geworden, der Abstand zu China und den USA hat sich weiter vergrößert. Frankreich, einst die wichtigste Wirtschaftsmacht in Afrika, verliert an Bedeutung.

Der gesamte Beitrag: download pdf: Auslandsdirektinvestitionen in Afrika2

 

[1] So titelte “Die Welt” vom 19.7.2012 “Chinesische Investoren kaufen halb Afrika auf“, http://www.welt.de/wirtschaft/article108336350/Chinesische-Investoren-kaufen-halb-Afrika-auf.html. Und David Dollar schreibt: “Since 2000, China has emerged as Africa’s largest trading partner and a major source of investment finance as well, David Dollar (2016): Order from Chaos. Setting the record straight on China’s engagement in Africa, 11. Juli 2016, https://www.brookings.edu/2016/07/11/setting-the-record-straight-on-chinas-engagement-in-africa/. Vgl. zur deutschen Diskussion, Helmut Reisen (2016), Vorsprung durch Technik: Antworten auf chinesische Übernahmen, Blog Weltneuvermessung 16.6.2016. https://weltneuvermessung.wordpress.com/2016/06/16/vorsprung-durch-technik-antworten-auf-chinesische-uebernahmen/. Zur Rolle Chinas auf das Wachstum Afrikas siehe Kappel, Robert, Birte Pfeiffer und Helmut Reisen (2016), Wie Chinas Neuausrichtung Afrikas Wachstum beeinflussen wird, Ökonomenstimme 23.5.2016. http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2016/05/wie-chinas-neuausrichtung-afrikas-wachstum-beeinflussen-wird/

Vorsprung durch Technik: Antworten auf chinesische Übernahmen

 

Helmut Reisen, 16.Juni 2016

Wie auch andernorts, kauft China derzeit fleißig deutsche Unternehmen auf, die seiner technologischen Erneuerung dienen. Vorsprung durch Technik, das wollen die Chinesen haben. Kunststoffmaschinen (Krauss Maffei), Baumaschinen (Putzmeister), Gabelstapler (Kion), Chipanlagen (Aixtron), Grafikelektroden (SGL Carbon) und nun Roboter (Kuka). Ein Sturm protektionistischer Reflexe begrüßt die chinesischen Übernahmen.  Nicht nur Politiker entrüsten sich (EU-Wettbewerbskommissar Guenther Oettinger, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel), sondern auch Professoren, beispielsweise der frühere IFO-Präsident Hans-Werner Sinn und Sebastian Heilmann, der Direktor des Mercator-Instituts für Chinastudien (Merics)[1].

Ähnliche Abwehrreflexe gab es bereits vor knapp zehn Jahren, als die gutfinanzierten Staatsfonds Chinas und anderer Schwellenländer mit Firmenaufkäufen begannen[2]. Während die Staatsfonds mit ihren Investitionen in erster Linie auf Diversifizierung ihres Anlageportefeuilles und auf höhere risikogewichtete Renditen abzielen, ist die derzeitige Welle chinesische Übernahmen schwieriger zu beurteilen.

China hat traditionell mehr Direktinvestitionen vom Ausland angenommen als im Ausland investiert (Tabelle 1). Seit etwa 2010 stagnieren allerdings die Zuflüsse nach China, da steigende Lohnstückkosten den Appeal des Standorts für  arbeitsintensive Hersteller gemindert haben. Seitdem haben die chinesischen Direktinvestitionen im Ausland geboomt; gleichzeitig zielen die Chinesen vermehrt auf hochentwickelte Volkswirtschaften statt auf wenig entwickelte Rohstoffnationen.

Tabelle 1: Chinas Direktinvestitionen – Umfang und Restriktionen

Jahr 2005 2010 2015
Zuflüsse, Mrd. US$ 104,1 243,7 249,9
Abflüsse, Mrd. US$ 13,7 58,0 187,8
Restriktionen (0 to 1) 0,56 0,42 0,38

Quelle: http://stats.oecd.org/Index.aspx?QueryId=64225#; http://stats.oecd.org/Index.aspx?datasetcode=FDIINDEX#

 

In Einklang mit der inzwischen vorherrschenden Lehrmeinung hat China seinen Kapitalverkehr graduell aber stetig liberalisiert. Der Restriktionsindex der OECD zeigt 1 für völlig geschlossenen Kapitalverkehr und O bei vollständig liberalisierter Investitionsordnung an. Der OECD-Index ermittelt Eigentumshindernisse, Genehmigungsbarrieren, Personalvorschriften und weitere Restriktionen wie auf Landerwerb und Gewinnrückführungen.  Seit 2005 misst dieser Index einen Rückgang von 0,56 bis auf zuletzt 0,38 Indexpunkte. Allerdings erlaubt China ausländischen Unternehmen immer noch keinen Alleinbesitz, sondern nur Beteiligungen (joint ventures).

 

Chinas staatlich gelenkte Industrie- und Technologiepolitik, welche durch Übernahmen auf Technologiesprünge abzielt, stellt  die europäische Wettbewerbspolitik und Investitionsfreiheit auch angesichts der Größe und Wirtschaftsverfassung Chinas vor neue industrie- und sicherheitspolitische Herausforderungen[3]. Besonders schwer wiegen nach meiner Einschätzung folgende Sorgen:

  • Asymmetrischer Marktzugang. Zwischen der EU und China herrschen ungleiche Wettbewerbsbedingungen. Das gilt besonders für Deutschland, das eine traditionell sehr offene Außenwirtschaftsverfassung hat. Mit einem Indexwert von nur 0,023 gehört Deutschland nach dem Restriktionsindex der OECD zu den weltweit offensten Ländern. Chinas Mindestanforderungen an die lokale Fertigung treffen mit über 60% die deutschen Unternehmen besonders da, wo sie Wettbewerbsvorteile haben: Kraftwerke; Wind- und Solarindustrie; Medizintechnik; Industrieroboter; und die Autoindustrie mitsamt der dazugehörigen Verbindungstechnologie.
  • Subventionen und geldwerte Begünstigung. Chinas global operierende Unternehmen genießen vielfältige Vergünstigungen durch staatliche Beihilfen der Regierung und der Provinzen. Der damit verbundene unfaire Wettbewerb zeigt sich besonders bei staatlicher Auftragsvergabe und beim verzerrten globalen Bieterwettbewerb.
  • Technologietransfer und industrielle Aushöhlung. Staatskontrollierte chinesische Unternehmen absorbieren durch Übernahmen technologische Kernkompetenzen, was zur Aushöhlung der industriellen Fertigungsbasis in Europa führen könnte. Die Erosion von Netzwerkvorteilen – besonders deutlich im Fall der deutschen Autozulieferer – könnte letztlich ganze Industriezweige und Standorte aussaugen.
  • Nationale Sicherheitsrisiken. Hier gelten die Befürchtungen besonders der Wehrindustrie und der Einschleusung, Überwachung und Sabotage. Das Außenwirtschaftsgesetz gibt allerdings der deutschen Regierung die Möglichkeit, den Verkauf von Unternehmen oder Firmenteilen an Interessenten außerhalb der EU zu beschränken, um die „wesentlichen Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik Deutschland zu gewährleisten“. Gleiches gilt für die USA, dem das Komitee für Auslandsinvestitionen (CFIUS) ein Werkzeug zur Verhinderung von Übernahmen selbst in Drittländern (Syngenta) zur Verfügung stellt.

Solche Sorgen geben leicht Anlass zu verzerrenden und diskriminierenden nationalen Maßnahmen, da es kein internationales Abkommen für Direktinvestitionen gibt. Was protektionistische adhoc Antworten bremst, ist angesichts der Größe des chinesischen Marktes die Angst vor Vergeltungsmaßnahmen.

Aus volkswirtschaftlicher (statt industrielobbyistischer) Perspektive bieten die meisten chinesischen Übernahmen keinen Anlass für industriepolitische Interventionen. Ein wichtiges, aber weithin verkanntes,  Kriterium zur Erfassung der Wohlfahrtseffekte chinesischer Übernahmen liefert die Außenhandelstheorie: die Wirkung auf die Austauschraten[4]. Deutschlands Wohlfahrt ist durch Übernahmen mit Technologietransfer nicht berührt, solange sie die Austauschraten nicht beeinflussen – heute und morgen. So können Übernahmen mit Technologietransfer auch die Wohlfahrt im Empfängerland erhöhen, wenn sie Industriezweige mit kompetitiven Nachteilen und Nettoimportsalden betreffen: Da solche Importe infolge des Technologietransfers nach und der Fertigung in China billiger werden, verbessern sich Deutschlands Austauschraten. Das Gegenteil betrifft die Bereiche der Hochtechnologie, in denen Deutschland einen Wettbewerbsvorteil (Nettoexporte) aufweist. Das Kriterium der Austauschraten sollte in der Politik stärkere beachtung finden.

[1] Sebastian Heilmann (2016), “Europe needs tougher response to China’s state-led investments”, Financial Times, 9th June.

[2] Helmut Reisen, „Staatsfonds aus ökonomischer Sicht“, Die Volkswirtschaft Das Magazin für Wirtschaftspolitik 7/8-2008, S. 26-28..

[3] Eine ausführliche Diskussion zu diesen Fragen findet sich in Thilo Hanemann and Mikko Huotari (2015), “Chinese FDI in Europe and Germany: Preparing for a New Era of Chinese Capital”, Merics/Rhodium Group, Berlin.

[4] Henning Klodt (2008), „Müssen wir uns vor Staatsfonds schützen?“, Wirtschaftsdienst, Vol. 88, Heft. 3, S. 175-180, http://dx.doi.org/10.1007/s10273-008-0772-z.

Wie Chinas Neuausrichtung Afrikas Wachstum beeinflussen wird (H. Reisen)

Wie Chinas Neuausrichtung  Afrikas Wachstum beeinflussen wird

2015 war ein schwieriges Jahr für die Mehrheit Afrikas. Die jährliche BIP-Wachstumsrate schwächte sich auf 3,6% (runter von durchschnittlich 5%/Jahr seit der Jahrtausendwende). Die Kapitalzuflüsse schwächten sich um 12,8% auf USD 188,8 Mrd ab (wenn man die UNCTAD-Daten statt IWF-Schätzungen zugrunde legt). Afrikas Steuerquote sank auf 17,9%, runter von 18,7% im Vorjahr. Chinas Neuausrichtung hat Gegenwind für Afrika erzeugt, und das Schwergewicht des Wachstums Afrikas wandert von rohstoffreichen Westen nach Ost.

 [Heute am 23.Mai 2016 wird der African Economic Outlook (AEO) 2016 in Lusaka, Sambia, lanciert. Zusammen mit Robert Kappel und Birte Pfeiffer habe ich den AEO 2016 mitverfasst. Dieser Beitrag ist die Übersetzung einer Textbox, welche wir für den AEO 2016 geschrieben haben. Die Studie kann ab 9 Uhr CET im Netz unter www.africaneconomicoutlook.org abgerufen werden.]

Die Verlangsamung des Wachstums großer Schwellenländer geht seit geraumer Zeit mit niedrigeren Rohstoffpreisen einher. Neben spezifischen Angebotsfaktoren hat die Neuausrichtung Chinas hin zu Binnenmarkt, Dienstleistungen und High-Tech die Rohstoffpreise gedrückt, besonders für Industriemetalle und fossile Brennstoffe. Es waren bislang drei Säulen, auf welchen Afrikas beeindruckende Wachstumsstory seit zwei Jahrzehnten ruhten: der Superzyklus mit hohen Rohstoffpreisen als Folge der Urbanisierung und Industrialisierung Chinas; hohe Kapitalzuflüsse; und verbesserte Rahmenbedingungen. Der Gegenwind für die afrikanischen Rohstoffländer impliziert nun die Untergrabung der zweiten Wachstumssäule – externe Kapitaleinfuhren.

Lesen Sie den vollständigen Beitrag im angehefteten pdf-Dokument: Wie Chinas Neuausrichtung Afrikas Wachstum beeinflussen wird

 

Wer finanziert Afrikas Infrastruktur?

Wer finanziert Afrikas Infrastruktur?

von Helmut Reisen

Es ist ein Gemeinplatz: Afrika fehlt es an Infrastrukturen. Es fehlt auch an zuverlässigen Daten, wer diese finanziert. Besonders Informationen über ausländische Entwicklungskredite nach Afrika, die bedeutendste Form der Infrastrukturfinanzierung, sind äußerst spärlich.

Vermutlich ist China Afrikas wichtigste Quelle für Entwicklungskredite. Weder die Zentralbank, noch die Entwicklungsbank oder die Export-Import-Bank der Chinesen veröffentlichen aktuelle Statistiken ihrer Kreditvergabe (Pigato und Tang, 2015), obwohl sie prominente Kapitalgeber der afrikanischen Großbaustellen sind. Weitere bedeutsame bilaterale und multilaterale Darlehensgeber listet ECN (2015) auf: die Weltbank, African Development Bank, Development Bank of Southern Africa, Export-Import Bank of the United States, African Export-Import Bank, European Investment Bank, Agence Française de développement (AFD), Japan Bank for International Cooperation (JBIC), Islamic Development Bank und die Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Trotz des in den letzten zehn Jahren gestiegenen Interesses privater Geldgeber an Afrika stellen die öffentlichen Entwicklungsbanken und Exportkreditagenturen 80% der afrikanischen Infrastrukturfinanzierung. China führt die Rangliste der Investoren an (ECN 2015). Nur 30 % der Finanzierung sind Zuschüsse, der Rest sind Entwicklungs- und Exportkredite, so der Jahresbericht 2013 des Infrastructure Consortium for Africa. Dieses Konsortium versteht sich als Plattform, Infrastrukturfinanzierungen zu erleichtern, politische und technische Hemmnisse zu beseitigen, grenzüberschreitende Kooperationen zu ermöglichen sowie Know How durch Überwachung, Berichtswesen und Verbreitung bester Praxis zu fördern. Seine Jahresberichte geben Aufschluss über Finanzierungszusagen an Afrika in den Sektoren Energie, Wasser, Transporte und Informations- sowie Kommunikationstechnologie.

 

Finanzierungszusagen in Afrikas Infrastruktur

– Nach Herkunft, Milliarden US$ –

Herkunft 2013 2014
China 13.4 3.1
Europe (incl. EIB) 7.4 6.4
United States 7.0 n.a.
World Bank 4.5 6.5
AfDB 3.6 3.6
Arab Coordination 3.3 3.5
Japan 1.5 2.1
South Africa (DBSA) 1.2 1.0
Total 99.6 74.5

Quelle: Jahresberichte des Infrastructure Consortium for Africa

 

Wie die Tabelle zeigt, wurde bereits im Jahre 2014 ersichtlich, wie stark China seine bilaterale Kreditvergabe an Afrikas Infrastrukturprojekte zurückgefahren hat. Hier können zwei Ursachen vermutet werden: Erstens eine stärkere Gewichtung der potenziellen Ausfallrisiken im Zuge der Konsolidierung des chinesischen Kreditwesens; zweitens die Vorbereitung  von der bilateralen auf die von China gesteuerte multilaterale Kreditvergabe, welche durch die neuen Entwicklungsbanken (AIIB und NDB) möglich werden. Bis dahin stehen die westlichen multilateralen Entwicklungsbanken (Weltbank, Europäische Investitionsbank (EIB) in einem Zwischenhoch der Infrastrukturfinanzierung Afrikas.

Aus deutschen Industriekreisen (VDMA) ist zu hören, dass Deutschland und Europa in Afrika keine schlüsselfertige Infrastrukturprojekte mehr aufstellen können, da sie schlicht und einfach die dazu nötigen Kapazitäten wegrationalisiert und ausgelagert haben. Das können heute nur noch die Koreaner und Chinesen. Derweil verringert die chinesische Führung die Kritikfläche an ihren bilateralen Afrikabeziehungen nach dem Vorbild der USA, die bislang ihren Einfluss in Afrika weniger bilateral als multilateral ausgeübt hat. Es ist wahrscheinlich, dass China auch auf längere Sicht der wichtigste Kapitalgeber für Afrikas Infrastrukturen sein wird, allerdings verdeckt im Gewand der multilateralen Entwicklungsbanken.

Literatur

ECN (2015), Spanning Africa´s Infrastructure Gap: How development capital is transforming Africa’s project build-out, London: The Economist Corporate Network, November.

ICA (2015), Infrastructure Financing Trends in Africa – 2014. Cairo: Infrastructure Consortium Africa.

Pigato, M. and W. Tang (2015), China and Africa: Expanding Economic Ties in an Evolving Global Context, Washington, DC ; World Bank.

Internationaler Währungsfonds: China erhält gebührenden Platz

Am 1.10.2016 ist es soweit: Der Renminbi erhält den Ritterschlag als Leitwährung

Der Wirtschaftsdienst (96. Jahrgang, 2016, Heft 1 | S. 6) hat heutecover_wirtschaftsdienst folgenden Kommentar von Helmut Reisen  zum Aufstieg des Yuan zur Leitwährung veröffentlicht:

 

Trotz der immer wichtigeren Rolle der Schwellenländer in der Weltwirtschaft ist die Zusammensetzung der Sonderziehungsrechte (SZR) über lange Zeit unverändert geblieben. SZR sind eine Art Kunstgeld des Internationalen Währungsfonds (IWF), das nicht an Devisenmärkten gehandelt wird. Sie können als Teil der offiziellen Devisenreserven eines Landes fungieren, aber weder zur Devisenmarktintervention noch als Ankerwährung genutzt werden. SZR wurden in den 1960er Jahren vom Internationalen Währungsfonds (IWF) geschaffen, um die Reserven der Zentralbanken zu ergänzen und das 1944 in Bretton Woods eingeführte System fixierter Wechselkurse zu unterstützen. Der Korb enthielt bislang vier Währungen des politischen Westens: US-Dollar, Euro, Pfund Sterling und Yen. Die Ende November 2015 erfolgte Aufnahme der chinesischen Währung (Yuan oder Renminbi) als erste Währung eines Schwellenlandes ist ein großer Schritt in der Weltneuvermessung.

Was sind die Folgen? Eine erste direkte Folge ist die veränderte Zusammensetzung des SZR-Korbs ab Oktober 2016. Das Gewicht des Yuan wird fast 11% betragen, während der US-Dollar mit knapp 42% seinen Anteil behält. Gewichtsverluste erleiden der Euro (Anteil sinkt auf 31%), aber auch das britische Pfund und der japanische Yen. Eine weitere Folge ist die Internationalisierung des Yuan. Noch ist er keine Reservewährung. Zwar wird der Yuan inzwischen bei der Fakturierung im internationalen Handel hinter dem US-Dollar als zweitwichtigste Währung notiert, doch spielt er im globalen Zahlungsverkehr und im Devisenhandel einstweilen eine geringe Rolle. Im offiziellen Bereich wird der Yuan als Anker- und Interventionswährung nur in homöopathischer Dosis verwendet. Die globalen Devisenreserven halten nur 1% in Yuan. Um die Vorteile einer internationalen Reservewährung zu genießen – geringere Wechselkursrisiken, Transaktionskosten und Seigniorage – braucht es weitere Finanzreformen in China.

Trotz der kontrollierten Öffnung der Kapitalströme bleibt die finanzielle Repression in China eine wichtige Barriere für die Nutzung des Yuan. Allerdings verlangt die Internationalisierung des Yuan – der IWF hat dies explizit betont – weder völlig flexible Wechselkurse noch volle Konvertibilität. Die Aufnahme in den SZR-Korb wird aber für Finanzreformen genutzt, so die Hoffnung der chinesischen Notenbank. Mit der Aufnahme Chinas in die Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001 wurden einige Strukturreformen der 1990er Jahre festgezurrt. Das könnte sich nun im Finanzbereich wiederholen. Das Wechselkursregime wird gerade flexibilisiert, indem die Anbindung des Yuan an den US-Dollar aufgegeben wird zugunsten einer Bindung an einen handelsgewichteten Währungskorb.

Schließlich eröffnet sich nun die Perspektive eines ausgeglichenen Weltwährungssystems, verstärkt durch eine nun auch von den USA gebilligte Quotenreform des IWF. Da der SZR-Korb nur aus Währungen reicher Länder bestand, war jede Nachfrage ärmerer Länder nach Reservewährung gleichsam ein unentgeltlicher Zuschuss in die vier Ländergruppen, die Zentralbankgeld für den SZR-Korb schaffen. Außerdem wirkt die einseitige Abhängigkeit des SZR-Korbes prozyklisch auf Rohstoffnotierungen, solange Rohstoffwährungen im Korb fehlen. Die Einbeziehung des Yuan in den SZR-Korb hat sowohl Signal- als auch reale Wirkungen für das Weltwährungssystem. Mit der Gründung eines asiatischen Pendants zur Weltbank, der Asiatischen Förderbank AIIB, hatten die Chinesen den multilateralen Entwicklungskredit fragmentiert. Dieser Druck auf den Westen hat womöglich in letzter Minute die Fragmentierung des Weltwährungssystems verhindert, da China nun den gebührenden Platz im IWF findet.

http://archiv.wirtschaftsdienst.eu/jahr/2016/1/internationaler-waehrungsfonds-china-erhaelt-gebuehrenden-platz/

Premier Li als Fitzcarraldo in Lateinamerika

Chinas Premier Li Keqiang hat gerade seine Tour durch Lateinamerika beendet und $50 Milliarden Infrastrukturinvestitionen in Aussicht gestellt. Die Hoffnung auf ein breiteres und stärkeres Engagement Chinas auf dem südamerikanischen Kontinent ist groß. Nach einem guten ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts geht es der Region nicht gut. Aber während Chinas Rolle in Lateinamerika unzweifelhaft wächst, wird sie wahrscheinlich relativ begrenzt bleiben im Vergleich zu Asien und Afrika. Lesen Sie den Rest im pdf-file…Chinas Einfluss in Lateinamerika

Fitzcarraldo