Die Lieferversprechen der multilateralen Entwicklungsbanken

Helmut Reisens Beitrag zum International Development Blog des DIE.

„2015 war das Jahr wichtiger Gipfelversprechen der Vereinten Nationen und ihrer Staatschefs:

  1. die UN-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung in Addis Abeba;
  2. der UN-Gipfel in New York zur neuen Post-2015-Agenda mit universellen Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals– SDGs); und
  3. der Klimagipfel in Paris zur Verabschiedung des Kyoto-Nachfolgeabkommens.

2016 gab es dann das „Lieferversprechen“ von zehn multilateralen Entwicklungsbanken und dem IWF:  Wir schaffen das, die Umsetzung der ambitiösen Gipfelversprechen der Vereinten Nationen[1]. Tabelle 1 stellt zunächst die multilateralen Entwicklungsbanken vor, deren Präsidenten das Lieferversprechen abgegeben haben. Die Tabelle soll es der kommenden Bundesregierung erleichtern, die entsprechenden Institutionen später an ihre Versprechen zu erinnern und womöglich in die Pflicht zu nehmen.

Tabelle 1: Multilaterale Entwicklungsbanken mit SDG-Lieferversprechen

Multilaterale Entwicklungsbanken Gängige Abkürzung (englisch)
Afrikanische Entwicklungsbank AfDB
Asiatische Entwicklungsbank AsDB
Asiatische Infrastrukturinvestitionsbank AIIB
Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD
Europäische Investitionsbank EIB
Inter-Amerikanische Entwicklungsbank IADB
Internationale Finanz-Corporation IFC
Islamische Entwicklungsbank IsDB
Neue Entwicklungsbank (BRICS) NDB
Weltbank IBRD/IDA

 

Die Chefs dieser Banken haben erklärt, ihre Institutionen seien im Stande, eine zentrale Rolle bei der Ausarbeitung von länderspezifischen Entwicklungszielen, Politikmaßnahmen, Programmen und Projekten spielen zu können. Erstens helfen sie via direkter Finanzierung oder als Katalysator weiterer Finanzierungsquellen, zweitens mit wirtschaftspolitischem und technischem Rat bei der Schaffung lokaler Kapazitäten vor Ort, drittens durch Identifizierung prioritärer Investitionen und Einhaltung von sozialer oder ökologischer Normen. Gleichzeitig achten IWF und Weltbank auf die Schuldentragfähigkeit mit ihren gemeinsamen Analysetools, die rasch bei der ambitiösen SDG-Agenda unter die Räder kommen kann. So die Eigenwerbung.

Drei wesentliche strategische Fragen stellen sich der kommenden Bundesregierung bezüglich der multilateralen Entwicklungsbanken vor dem Hintergrund der Entwicklungsziele von 2015 und der Lieferversprechen von 2016:

  • Welcher Anteil der öffentlichen Entwicklungsgelder sollen über multilaterale statt bilaterale Kanäle ausgegeben werden?
  • Wie soll sich die Allokation des Entwicklungsbudgets zwischen den multilateralen Entwicklungsbanken aufteilen?
  • Welche spezifische Rolle spielen dabei die ärmsten Entwicklungsländer und die Finanzierung der globalen Kollektivgüter?

 

Allokation auf bilaterale oder multilaterale Träger?

Die Abwägung der Mittelzuteilung auf die bi- oder multilateralen Träger sollte sich von zwei Aspekten leiten lassen: 1) Wo liegen jeweils die komparativen Vorteile, die politischen Entwicklungsziele effizient und wirksam umzusetzen? 2) Welcher Träger setzt die Interessen des Partnerlandes und des Geberlandes wirksamer um?

Wo – anders als in Deutschland – eigene Durchführungsstrukturen kaum vorhanden sind, wird dieser Abwägung gerne durch ‚bilateralisierte‘ Zuwendung zweckgebundener Mittel an multilaterale Institutionen ausgewichen. Die deutschen Beiträge dagegen werden vornehmlich als Beitrag zum Kernbudget der multilateralen Institutionen gezahlt. Der hohe Haushalts-Kernanteil der deutschen multilateralen Beiträge ist zu begrüßen und sollte nicht runtergefahren werden.

Den multilateralen Organisationen werden generell einige Vorzüge gegenüber den bilateralen Gebern zugesprochen: Know How (zur Armuts- und Krankheitsbekämpfung), Grundlagenforschung (etwa im Agrarbereich), Klimawandel, Terror, Wasser-, Nahrungs- und Energieknappheit sowie instabile globale Finanzmärkte gelten als klassische globale Gemeingüter und begründen bei der EZ die Notwendigkeit multilateraler Organisationen.

Aus deutscher Geberperspektive ist freilich die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit ein Türöffner für gute bilaterale Beziehungen, der auch engere Handelsbeziehungen erlaubt. Angesichts ihrer Vielzahl und Wettbewerbs ist die Fragmentierung der EZ auch bei den multilateralen Institutionen nicht auszuschließen; diese Gefahr ist jedoch höher bei der bilateralen Hilfe.

 

Welche Aufgabenzuteilung zwischen den multilateralen Entwicklungsbanken?

Mit der Neugründung der zwei Entwicklungsbanken AIIB und NDB, die nicht vom Westen dominiert werden, ist Bewegung in die multilaterale Szene gekommen. Das kann den Entwicklungsländern nutzen, wenn Wettbewerb die bisherigen kartellähnlichen Verhältnisse auflöst. Der deutschen Entwicklungspolitik stellt sich nun aber das Zuteilungsproblem noch dringlicher.

Es gibt keinen Zweifel, dass die administrative Belastung der Partnerländer durch die Geber nicht nur von bilateraler, sondern auch von multilateraler Seite, ein echtes Problem darstellt. Daher ist es vordringlich, eine Überlappung der Aufgabenbereiche zu reduzieren, das Problem der schleichenden Mandatserweiterung zu unterbinden und die Fragmentierung der Multilateralen aufzuhalten. Die Fragmentierung der multilateralen EZ ist nicht nur ein Problem der Entwicklungsländer, sondern auch für die Geber bei der Führung und Kontrolle der multilateralen Entwicklungsbanken.

Effizienz und Wirksamkeit der multilateralen Träger sind durch klare Rollenverteilung und Koordinierung (statt Buhlen um Mandatierung) zu stärken. Die systematische Ermittlung komparativer Vorteile im Zusammenhang mit den SDG-Zielen steht dabei am Anfang. Wegen schwerer Interessenskonflikte kann diese Zuteilung nicht in der Verantwortung der Fachministerien liegen. Die Erstellung sollte durch den Bundesrechnungshof im Auftrag des Bundeskanzleramts erfolgen.

 

Welche Rolle soll der multilaterale Entwicklungskredit für die ärmste Milliarde spielen?

Das G20-Finanzministertreffen vom 17./18. März 2017 in Baden-Baden hat die multilateralen Entwicklungsbanken zur ´Bilanzoptimierung´ aufgerufen. Was so gut und harmlos klingt, reflektiert in Wahrheit Druck auf die Schließung der – für die ärmsten Länder dieser Welt so wichtigen – konzessionären Fenster. So lassen sich in Zeiten gekürzter Entwicklungsausgaben zwar die Refinanzierungspflichten für die USA verringern.

Die neue Bundesregierung aber sollte sich fragen, wie hoch das Finanzierungsvolumen fragiler und konfliktgestörter Staaten mit Niedrigeinkommen für noch verbleibende Zuschüsse bleibt, wenn konzessionäre und nicht-konzessionäre Fenster zusammengelegt werden. Das träfe besonders die AfDB, bei der noch 30 Mitgliedsstaaten ausschließlich konzessionär finanziert werden. Sollen das arme geburtenstarke Afrika deutscher Entwicklungsschwerpunkt bleiben, wäre die Bilanzoptimierung negativ zu werten.“

[1] http://www.worldbank.org/en/news/press-release/2016/10/09/delivering-on-the-2030-agenda-statement

Mit Paul Romer zurück zur US-dominierten Weltbank?

 

Helmut Reisen:

Mit Paul Romer zurück zur US-dominierten Weltbank?

Es ist seit Montag (18. Juli) offiziell: Paul M. Romer, der Begründer der Theorie des endogenen (statt neoklassischen) Wachstums und Verfechter von Sonderzonen („charter cities“) wird neuer Chefökonom der Weltbank. Die Begeisterung über diese Personalie war nahezu einhellig. Danny Quah (LSE und Leee Kuan Yew School), der selbst in jungen Jahren maßgeblich zur endogenen Konvergenztheorie beitrug, postete auf Facebook und Twitter:

„For World Bank Chief Economist, Paul Romer – brilliant deep thinker, fully engaged with humanity’s largest challenges. The International Financial Architecture makes an inspired choice.”

Willem H Buiter (nicht nur Chefökonom Citibank) sekundierte im selben Post: „A really great choice! There may be hope for the World Bank after all …”.

Guy Pfeffermann (früher Chefvolkswirt der IFC) begegnete meiner Skepsis über die Wahl Romers – wir bewegen uns noch immer in der Facebook-Welt (ja, wir werden älter…) – mit dem Hinweis, den wohl fast jeder teilten kann: „Oh, I don’t know, Helmut. I very much like the emphasis on ideas and their diffusion as a growth factor.”

Mit der Wahl Romers kann sich die Weltbank stärker als Wissensbank herausstellen und in der multilateralen Fauna differenzieren. Es war Paul Romer, der die Wachstumstheorie mit der Endogenisierung von Wissen und Ideen bereicherte, anstatt Humankapital nur als exogene Residualgröße zu verbuchen.  Folglich sollten sich offene Volkswirtschaften, deren Institutionen und Sozialmodell die Verbreitung von Wissen fördern, rascher und dauerhaften wachsen. Von dort zur Betonung Romers  der Entwicklungsrolle von neuen Städten in armen Ländern („Charter Cities“), abgeleitet von den Entwicklungserfahrungen der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong und der chinesischen Sonderzone Shenzhen, war es nur ein kleiner Schritt[1]. Was Romer neuentdeckte, kennen wir aus dem Mittelalter: „Stadtluft macht frei“.

Vereinzelt wurde die Wahl kritisiert. Allerdings wirkt der Vorwurf, die Betonung der Rolle Hongkongs sei Neokolonialismus, etwas an den Haaren herbeigezogen[2].

Ich persönlich finde es schade, dass die Weltbank die neue Tradition, einen renommierten Ökonomen aus den Schwellenländern für den Posten des Chefökonomen zu nominieren, schon wieder abbricht. Nach dem Pariser Verteilungsexperten François Bourguignon, mit dessen Wahl die Bank ihren Schwerpunkt auf die Armutsbekämpfung unterstrich, holte sie die chinesischen und indischen Entwicklungsökonomen Justin Yifu Lin und Kaushik Basu nach DC. Lin war bislang der einzige Chefökonom der Weltbank, der nicht aus nordamerikanischen Universitäten kam.

Nach Weltneuvermessung schmeckte insbesondere die Wahl Justin Lins: nicht nur ökonomisch und politisch, sondern auch paradigmatisch. Ich vermute, die Wahl eines US-Amerikaners könnte auch mit der multilateralen Fragmentierung erklärt werden. Die Gründung der AIIB war ein von den USA lange gebremster Versuch Chinas, aus der US-Dominanz der multilateralen Entwicklungsbanken auszubrechen. Trotz anderslautender Rhetorik kehrt die Weltbank mit der Wahl Romers vielleicht wieder etwas in die alte Welt der US-Dominanz zurück.

[1] The Economist, “The World Bank hires a famous contrarian”, 18. Juli 2016.

[2] Norbert Häring, The World Bank on the way back to the Washington Consensus – with Chicago Boy Paul Romer, 19. Juli 2016