Donald Trump und das außenpolitische Erbe von Barack Obama

Die zurückhaltende Außenpolitik von Präsident Barack Obama ­konzentrierte sich auf nationale Kerninteressen, trug aber auch zu einer Stabilisierung der internationalen Ordnung bei. Die Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA weckt jedoch Befürchtungen, dass Grundpfeiler der ­liberalen Weltordnung untergraben und in verschiedenen Weltregionen unkontrollierbare Dynamiken provoziert werden könnten.

  • Als erster „pazifischer Präsident“ hat Obama zahlreiche Bündnisse mit Asien erweitert und die sicherheitspolitische Führungsrolle der USA untermauert. Genau das wird vom neu gewählten Präsidenten Trump in Frage gestellt. Sollten die USA nicht mehr als Pfeiler der regionalen Sicherheitsordnung wirken, drohen Rüstungswettläufe und eine Eskalation bestehender Spannungen.
  • Im Nahen Osten verzichtete Obama auf militärische Interventionen und bemühte sich um Aussöhnung mit der islamischen Welt. Als sich seine Hoffnungen auf eine Demokratisierung nach dem „Arabischen Frühling“ nicht erfüllten, ging sein Gestaltungsinteresse deutlich zurück. Die Staaten in der Region sollten zukünftig selbst mehr Verantwortung übernehmen. Donald Trump wird diesen Ansatz weiter vertiefen, in Einzelfällen aber eine Revision anstreben.
  • In Afrika verloren die USA bereits während der Amtszeit von Obama politisch an Einfluss, wogegen sie die Wirtschaftsbeziehungen erweiterten und den US-Markt für afrikanische Produzenten öffneten. Sicherheitspolitisch stand der Kampf gegen den internationalen Terrorismus im Vordergrund.
  • In Lateinamerika stärkte die eingeleitete Normalisierung der Beziehungen mit Kuba die politische und wirtschaftliche Position der USA. Unter Trump ist für die gesamte Region das Risiko groß, in alte Konfrontationsmuster zurückzufallen. Protektionismus und die Auswirkungen der Politik gegen illegale Einwanderer könnten den Antiamerikanismus wieder beleben.

Fazit

Während der Präsidentschaft von Obama wurden das Ansehen der USA sowie die Fundamente einer von den USA getragenen liberalen Weltordnung gestärkt. Beides stellt sein jetzt gewählter Nachfolger Trump in Frage. Hierauf sollten die EU und die deutsche Politik mit mehr außenpolitischer Eigenständigkeit und dem Ausbau der gegenseitigen Beziehungen mit Afrika, Asien, Lateinamerika sowie dem Mittleren und Nahen Osten reagieren.

Beitrag von Detlef Nolte, Pascal Abb, Henner Fürtig, Robert Kappel

GIGA Focus Global | Nummer 07 |November 2016

download hier: https://www.giga-hamburg.de/de/system/files/publications/gf_global_1607.pdf

 

 

Wie aussagekräftig ist die Globalisierungsstudie 2016 der Bertelsmann-Stiftung?

 

Autor: Helmut Reisen, 8. September 2016

„1130 Euro mehr pro Kopf: Deutschland ist Globalisierungsgewinner!“, titelt Anfang September der Nachrichtensender n-tv.de; und viele plapperten das nach. Die Schlagzeile stützt sich auf die neueste Globalisierungsstudie der Bertelsmann-Stiftung.

Doch wie aussagekräftig ist diese Studie[i]?

Zur Beantwortung der Frage, wie stark eine voranschreitende Globalisierung das Wirtschaftswachstum steigert, wird in einem ersten Schritt ein Globalisierungsindex berechnet, der das Ausmaß der Verflechtungen eines Landes mit dem Rest der Welt misst. In einem zweiten Schritt wird mithilfe von Regressionsanalysen berechnet, welchen Einfluss eine Zunahme der Globalisierung auf das Wachstum des inflationsbereinigten BIP/Kopf hat. Dann werden Vergleiche mit dem Globalisierungsreport 2014 gezogen. Am Ende folgen die unvermeidlichen Schlussfolgerungen.

  • Der Globalisierungsindex: Eng angelehnt an den KOF-Globalisierungsindex der ETH Zürich, leidet der Globalisierungsindex an einigen Immunschwächen. Erstens ist die wachsende Bedeutung globaler Wertschöpfungsketten nicht hinreichend berücksichtigt. Diese unterminieren die Aussagefähigkeit der Außenhandelsdaten, welche den Index füttern: Handelsverflechtung bedeutet nicht Wohlstandszuwachs in der ´Basarökonomie´ eines Hans-Werner Sinn. Zweitens hat eine wachsende Kapitalmarktöffnung, eine weitere Komponente des Index, in den vergangenen Jahrzehnten Finanzkrisen und Wachstumseinbrüche provoziert. Drittens sind die Indexwerte negativ mit der Größe des Binnenmarktes der Untersuchungsländer korreliert, da eine Größenkorrektur unterbleibt. Fazit: dringender Modernisierungsbedarf!
  • Wachstumseffekte: Die Messung der globalisierungs-induzierten Wachstumseffekte vergleicht den Zuwachs des BIP/Einwohner mit einer hypothetischen Entwicklung ohne Veränderung des Globalisierungsindex. Dieser counterfactual bleibt jedoch in der Globalisierungsstudie 2016 undefiniert, sodass man keine Vorstellung davon hat, wieweit – gerade in kleinen offenen Volkswirtschaften – der Vergleich nicht doch von der Globalisierung geprägt ist. Zweite Schwäche: Das absolute Ausgangsniveau des BIP/Kopf in Euro dominiert den vermeintlich ´globalisierungsinduzierten´ Zuwachs des Prokopfeinkommens. Hier müssten die Skaleneffekte herauskorrigiert werden. Fazit: unwissenschaftlich!

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt so zu ´Einsichten´, die im Gegensatz zum international vorgetragenen Befund der Globalisierungsgewinner stehen. Ausgerechnet der Deflationsweltmeister Japan wird zum „Globalisierungsweltmeister“ gekürt, eine Folge der fehlenden Größenkorrektur. Aber auch Länder wie Rumänien und Bulgarien, wo aufgrund hoher Korruption die Wachstumszuwächse extrem ungleich verteilt werden, gehören laut der Studie zu den Globalisierungsgewinnern. EU-Erweiterung und die vorherigen Wachstumseinbrüche aufgrund des Systemwechsels dieser Staaten werden nicht angesprochen. Andererseits landen die asiatischen Giganten China und Indien aufgrund der oben angeführten Schwäche des KOF-Index  als Schlusslichter dieser Form der Messung von Globalisierungsgewinnen.

Mit diesen Ergebnissen zu den Globalisierungsgewinnern steht die Bertelsmann-Stiftung nicht nur im Gegensatz zur internationalen Debatte, sondern auch zu den von den Menschen subjektiv empfundenen Globalisierungseffekten. Der weltweit führende Befund zu den Globalisierungseffekten stammt von NYU-Professor Branko Milanovic[ii] . Seine inzwischen berühmte Elefantengrafik veranschaulicht die seit 1988 kumulierten realen Einkommenszuwächse für die hundert Perzentile der globalen Einkommensverteilung. Danach ist die Unzufriedenheit mit der Globalisierung besonders hoch in den alten OECD-Staaten, an deren Menschen laut Milanovics empirischem Befund die Globalisierungsgewinne relativ spurlos vorbeiging, wenn man von globalisierungsinduzierten Kaufkraftgewinnen absieht. Dagegen wurden die höchsten realen und verteilungskorrigierten Einkommenszuwächse in China und Indien erzielt, den Schlusslichtern der Bertelsmänner. Nie seit der Industriellen Revolution wurden mehr Menschen aus der ärmsten Armut befreit wie zunächst in China und nun zunehmend  Indien: zusammen mehr als eine Milliarde.

[i] Bertelsmann-Stiftung (2016), Globalisierungsreport 2016: Wer profitiert am stärksten von der Globalisierung?, https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/globalisierungsreport-2016/

[ii] Vgl. zB. Branko Milanovic (2016), “The greatest reshuffle of individual incomes since the Industrial Revolution”, Voxeu.org, 1. Juli.