Internationaler Währungsfonds: China erhält gebührenden Platz

Am 1.10.2016 ist es soweit: Der Renminbi erhält den Ritterschlag als Leitwährung

Der Wirtschaftsdienst (96. Jahrgang, 2016, Heft 1 | S. 6) hat heutecover_wirtschaftsdienst folgenden Kommentar von Helmut Reisen  zum Aufstieg des Yuan zur Leitwährung veröffentlicht:

 

Trotz der immer wichtigeren Rolle der Schwellenländer in der Weltwirtschaft ist die Zusammensetzung der Sonderziehungsrechte (SZR) über lange Zeit unverändert geblieben. SZR sind eine Art Kunstgeld des Internationalen Währungsfonds (IWF), das nicht an Devisenmärkten gehandelt wird. Sie können als Teil der offiziellen Devisenreserven eines Landes fungieren, aber weder zur Devisenmarktintervention noch als Ankerwährung genutzt werden. SZR wurden in den 1960er Jahren vom Internationalen Währungsfonds (IWF) geschaffen, um die Reserven der Zentralbanken zu ergänzen und das 1944 in Bretton Woods eingeführte System fixierter Wechselkurse zu unterstützen. Der Korb enthielt bislang vier Währungen des politischen Westens: US-Dollar, Euro, Pfund Sterling und Yen. Die Ende November 2015 erfolgte Aufnahme der chinesischen Währung (Yuan oder Renminbi) als erste Währung eines Schwellenlandes ist ein großer Schritt in der Weltneuvermessung.

Was sind die Folgen? Eine erste direkte Folge ist die veränderte Zusammensetzung des SZR-Korbs ab Oktober 2016. Das Gewicht des Yuan wird fast 11% betragen, während der US-Dollar mit knapp 42% seinen Anteil behält. Gewichtsverluste erleiden der Euro (Anteil sinkt auf 31%), aber auch das britische Pfund und der japanische Yen. Eine weitere Folge ist die Internationalisierung des Yuan. Noch ist er keine Reservewährung. Zwar wird der Yuan inzwischen bei der Fakturierung im internationalen Handel hinter dem US-Dollar als zweitwichtigste Währung notiert, doch spielt er im globalen Zahlungsverkehr und im Devisenhandel einstweilen eine geringe Rolle. Im offiziellen Bereich wird der Yuan als Anker- und Interventionswährung nur in homöopathischer Dosis verwendet. Die globalen Devisenreserven halten nur 1% in Yuan. Um die Vorteile einer internationalen Reservewährung zu genießen – geringere Wechselkursrisiken, Transaktionskosten und Seigniorage – braucht es weitere Finanzreformen in China.

Trotz der kontrollierten Öffnung der Kapitalströme bleibt die finanzielle Repression in China eine wichtige Barriere für die Nutzung des Yuan. Allerdings verlangt die Internationalisierung des Yuan – der IWF hat dies explizit betont – weder völlig flexible Wechselkurse noch volle Konvertibilität. Die Aufnahme in den SZR-Korb wird aber für Finanzreformen genutzt, so die Hoffnung der chinesischen Notenbank. Mit der Aufnahme Chinas in die Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001 wurden einige Strukturreformen der 1990er Jahre festgezurrt. Das könnte sich nun im Finanzbereich wiederholen. Das Wechselkursregime wird gerade flexibilisiert, indem die Anbindung des Yuan an den US-Dollar aufgegeben wird zugunsten einer Bindung an einen handelsgewichteten Währungskorb.

Schließlich eröffnet sich nun die Perspektive eines ausgeglichenen Weltwährungssystems, verstärkt durch eine nun auch von den USA gebilligte Quotenreform des IWF. Da der SZR-Korb nur aus Währungen reicher Länder bestand, war jede Nachfrage ärmerer Länder nach Reservewährung gleichsam ein unentgeltlicher Zuschuss in die vier Ländergruppen, die Zentralbankgeld für den SZR-Korb schaffen. Außerdem wirkt die einseitige Abhängigkeit des SZR-Korbes prozyklisch auf Rohstoffnotierungen, solange Rohstoffwährungen im Korb fehlen. Die Einbeziehung des Yuan in den SZR-Korb hat sowohl Signal- als auch reale Wirkungen für das Weltwährungssystem. Mit der Gründung eines asiatischen Pendants zur Weltbank, der Asiatischen Förderbank AIIB, hatten die Chinesen den multilateralen Entwicklungskredit fragmentiert. Dieser Druck auf den Westen hat womöglich in letzter Minute die Fragmentierung des Weltwährungssystems verhindert, da China nun den gebührenden Platz im IWF findet.

http://archiv.wirtschaftsdienst.eu/jahr/2016/1/internationaler-waehrungsfonds-china-erhaelt-gebuehrenden-platz/

Das schleichende Ende des Dollarimperiums

Derzeit zeigt der Dollar Stärke. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Ein schleichendes Ende des Dollarimperiums bahnt sich an.

Der IWF hat gestern verlautbart, er werde die Zusammensetzung des Währungskorbs der Sonderziehungsrechte (SZR) später in diesem Jahr zu überprüfen. Nicht zuletzt um den Außendruck zur weiteren Liberalisierung Chinas aufrechtzuhalten, hat die Zentralbank Interesse daran, den Renminbi (oder Yuan) bereits im Jahr 2015 in den SZR-Währungskorb aufzunehmen zu lassen. Bislang teilen sich nur vier globale Währungen die Ehre, die Sonderziehungsrechte zu bilden. Alle sind Teil des westlichen Blocks (Dollar, Euro, Pfund Sterling und Yen). Um die Bedingungen für die Aufnahme in den Währungskorb zu erfüllen, werden die chinesischen Behörden schnell eine Reihe von Liberalisierungsreformen einzuleiten haben: die finanzielle Öffnung zur Förderung der Währungskonvertibilität und die Ausdehnung des Interventionsbandes zur Flexibilisierung und Marktdeterminierung des Renminbi.

Sonderziehungsrechte sind eine Art Kunstgeld des Internationalen Währungsfonds (IWF), das nicht an Devisenmärkten gehandelt wird. Insofern nennt man auch die SZR das Esperanto der globalen Währungen: Sie erfüllen nicht alle Funktionen des Geldes: SZR können zwar als Teil der offiziellen Devisenreserven eines Landes fungieren, aber sie können weder zur Intervention an den Devisenmärkten noch als Ankerwährung genutzt werden. Dennoch wäre die Aufnahme der chinesischen Währung in den SZR-Korb ein ganz großer Schritt in der Weltneuvermessung. Warum?

Die BRICS-Gruppe fordert schon seit geraumer Zeit, den US-Dollar als internationale Reservewährung zu ersetzen, womöglich mit dem SZR-Korb. Diese Forderung stellte auch vor einigen Jahren die von Joseph Stiglitz geleitete UN-Kommission zur Reform des internationalen Währungs- und Finanzsystems. Zwar erfüllt der Dollar bislang eine wichtige Netzwerkfunktion für die Weltwirtschaft, so wie Englisch als Weltsprache ist er ein natürliches Monopol. Aber da der SZR-Korb nur aus Währungen reicher Länder besteht, ist jede Nachfrage ärmerer Länder nach Reservewährung gleichsam ein unentgeltlicher Zuschuss in die vier Ländergruppen, welche Zentralbankgeld für den SZR-Korb schaffen. In diesem Münzgewinn (seignorage) besteht das ´exorbitante Privileg´ (so Valéry Giscard d´Estaing im Jahr 1960) der Länder, deren Währung internationale Reservewährung ist. Außerdem wirkt die einseitige Abhängigkeit des SZR-Korbes (ca. 80% in Dollar und Euro) prozyklisch auf Rohstoffnotierungen, da Rohstoffwährungen im Korb noch fehlen. Die Einbeziehung des Renminbi im SZR-Korb hätte sowohl Signal- als auch eine reale Wirkungen für China und das internationale Währungssystem. Chinas hochriskante Währungsinkongruenzen würde durch die Internationalisierung des Renminbi gemildert;  das internationale Währungssystem wäre etwas ausgewogener. Eine weitere Öffnung des chinesischen Finanzsystem könnte die Effizienz der Ressourcenallokation verbessern, allerdings auch auch Chinas finanzielle Risiken erhöhen. Die Absicht der Zentralbank, Finanzreformen und Öffnung durch Aufnahme des SZR-Korbes voranzutreiben, wird womöglich in der Retrospektive mit dem stimulierenden Effekt von Chinas WTO-Beitritt auf die Reform staatlicher Unternehmen verglichen werden. Renminbi

Bis das Dollarimperium von einem Renminbi-Imperium abgelöst wird, dürften noch ca. dreissig bis siebzig Jahre vergehen, wenn sich die Geschichte der Führungswechsel bei den führenden Reservewährungen wiederholen sollte. Bereits heute führt China als der Welt größter Nettogläubiger und Exporteur; in Kaufkraft gemessen stellt China nunmehr auch die größte Volkswirtschaft. Das Vereinigte Königreich Großbritannien, das mit dem Pfund Sterling zum Zweiten Weltkrieg die führende Reservewährung vor dem Dollar stellte, verlor seine Führungsrolle als Wirtschaftsmacht bereits 1872 an die USA und wurde 1914 zum Nettoschuldner. Aber erst die wachsende Konvertierbarkeit des Dollar nach dem ersten Weltkrieg begründete seinen stetigen Aufstieg als Reservewährung. Nun ist China an der Reihe…