Kindlebergers Führungskonzept: Noten für China, Deutschland, USA

Der volle Text kann hier als pdf geladen werden Kindlebergers Führungstheorie

Es wird oft behauptet (und bestritten), dass die Pax Americana sich dem Ende zuneige. Mit diesem Begriff wird die internationale Führungsmacht (auch: Hegemonialmacht) der Vereinigten Staaten spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verbunden. Die Bretton-Woods-Institutionen, die OECD und die Nato lassen sich als Lenkungsinstrumente unter amerikanischer Führung begreifen. Der Anfang vom Ende der amerikanischen Führungsrolle vollzieht sich in einer Welt, die anders als in den 1990er Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Satelliten nicht mehr als unipolar empfunden wird, sondern als multipolar oder apolar.

Der seit mehr als drei Jahrzehnten unaufhaltsame wirtschaftliche Aufstieg Chinas[1] und sein zeitverzögertes außenpolitisches Engagement besonders im Rahmen der BRICS-Gruppe und in der globalen Finanzdiplomatie[2] haben Chinas internationalen Führungsanspruch begründet. Auch Deutschland ist durch die Eurokrise – ganz anders als von Jacques Attali und François Mitterand mit dem Euro intendiert – in die Rolle einer europäischen Führungsmacht gedrängt worden[3].

Die USA, China und Deutschland: Wie weit genügen diese drei Staaten noch oder schon dem internationalen Führungsanspruch als gutwilliger, solidarischer Hegemon im Sinne Kindlebergers?

Die AIIB findet Freunde im Westen

Die im Herbst 2014 von China initiierte Asian Investment Infrastructure Bank (AIIB) hat Freunde im Westen gefunden, zum Kummer des amerikanischen Hegemon. Erst machte das Vereinigte Königreich den Anfang, nun folgten gestern Deutschland, Frankreich und Italien als erste westliche Mitglieder. Die Gründung multilateraler Entwicklungsbanken unter Führung Chinas wirft Fragen zur Zukunft der globalen Finanzarchitektur auf, die im angefügten Artikel beantwortet werden. Der Artikel erscheint im April in der Zeitschrift Wirtschaftsdienst.

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Weltneuvermessung. Von Robert Kappel & Helmut Reisen

Das Goldene Zeitalter der Schwellenländer liegt nun bereits fünf Jahre hinter uns. Die Verlagerung des Schwerpunkts der Weltwirtschaft in Richtung Asien hat sich verlangsamt. Obwohl das überlegene Wachstum Asiens und Afrikas der letzten Jahre mehr als eine halbe Milliarde Menschen aus der extremen Armut befreite, hapert es allerorten mit der sozialen Inklusion. Die Debatten um die „Falle der mittleren Einkommen“ und die Suche nach Modellen für die weitere Entwicklung weisen auf die Zweifel in den BRICS und anderen erfolgsverwöhnten Ländern. Gleichzeitig gestalten die BRICS unter Führung Chinas immer selbstbewusster eine neue Parallelwelt der Multilateralität, auch das ein Reflex des Zweiten Kalten Krieges zwischen dem alten Westen und dem neureichen Osten.

Robert Kappel, früher Präsident des renommierten GIGA-Instituts in Hamburg, und Helmut Reisen, langjähriger Forschungschef des OECD Development Centre in Paris, werden in diesem Blog die Welt neu vermessen. Dabei wird ihr Interesse auf Europa und Deutschland zielen: Was können wir den Schwellenländern „bieten“? Kann der alte Kontinent Vorbild sein, hat er Führungspotenzial, und kann er sich aus der atlantischen Orientierung lösen?