Wie aussagekräftig ist die Globalisierungsstudie 2016 der Bertelsmann-Stiftung?

 

Autor: Helmut Reisen, 8. September 2016

„1130 Euro mehr pro Kopf: Deutschland ist Globalisierungsgewinner!“, titelt Anfang September der Nachrichtensender n-tv.de; und viele plapperten das nach. Die Schlagzeile stützt sich auf die neueste Globalisierungsstudie der Bertelsmann-Stiftung.

Doch wie aussagekräftig ist diese Studie[i]?

Zur Beantwortung der Frage, wie stark eine voranschreitende Globalisierung das Wirtschaftswachstum steigert, wird in einem ersten Schritt ein Globalisierungsindex berechnet, der das Ausmaß der Verflechtungen eines Landes mit dem Rest der Welt misst. In einem zweiten Schritt wird mithilfe von Regressionsanalysen berechnet, welchen Einfluss eine Zunahme der Globalisierung auf das Wachstum des inflationsbereinigten BIP/Kopf hat. Dann werden Vergleiche mit dem Globalisierungsreport 2014 gezogen. Am Ende folgen die unvermeidlichen Schlussfolgerungen.

  • Der Globalisierungsindex: Eng angelehnt an den KOF-Globalisierungsindex der ETH Zürich, leidet der Globalisierungsindex an einigen Immunschwächen. Erstens ist die wachsende Bedeutung globaler Wertschöpfungsketten nicht hinreichend berücksichtigt. Diese unterminieren die Aussagefähigkeit der Außenhandelsdaten, welche den Index füttern: Handelsverflechtung bedeutet nicht Wohlstandszuwachs in der ´Basarökonomie´ eines Hans-Werner Sinn. Zweitens hat eine wachsende Kapitalmarktöffnung, eine weitere Komponente des Index, in den vergangenen Jahrzehnten Finanzkrisen und Wachstumseinbrüche provoziert. Drittens sind die Indexwerte negativ mit der Größe des Binnenmarktes der Untersuchungsländer korreliert, da eine Größenkorrektur unterbleibt. Fazit: dringender Modernisierungsbedarf!
  • Wachstumseffekte: Die Messung der globalisierungs-induzierten Wachstumseffekte vergleicht den Zuwachs des BIP/Einwohner mit einer hypothetischen Entwicklung ohne Veränderung des Globalisierungsindex. Dieser counterfactual bleibt jedoch in der Globalisierungsstudie 2016 undefiniert, sodass man keine Vorstellung davon hat, wieweit – gerade in kleinen offenen Volkswirtschaften – der Vergleich nicht doch von der Globalisierung geprägt ist. Zweite Schwäche: Das absolute Ausgangsniveau des BIP/Kopf in Euro dominiert den vermeintlich ´globalisierungsinduzierten´ Zuwachs des Prokopfeinkommens. Hier müssten die Skaleneffekte herauskorrigiert werden. Fazit: unwissenschaftlich!

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt so zu ´Einsichten´, die im Gegensatz zum international vorgetragenen Befund der Globalisierungsgewinner stehen. Ausgerechnet der Deflationsweltmeister Japan wird zum „Globalisierungsweltmeister“ gekürt, eine Folge der fehlenden Größenkorrektur. Aber auch Länder wie Rumänien und Bulgarien, wo aufgrund hoher Korruption die Wachstumszuwächse extrem ungleich verteilt werden, gehören laut der Studie zu den Globalisierungsgewinnern. EU-Erweiterung und die vorherigen Wachstumseinbrüche aufgrund des Systemwechsels dieser Staaten werden nicht angesprochen. Andererseits landen die asiatischen Giganten China und Indien aufgrund der oben angeführten Schwäche des KOF-Index  als Schlusslichter dieser Form der Messung von Globalisierungsgewinnen.

Mit diesen Ergebnissen zu den Globalisierungsgewinnern steht die Bertelsmann-Stiftung nicht nur im Gegensatz zur internationalen Debatte, sondern auch zu den von den Menschen subjektiv empfundenen Globalisierungseffekten. Der weltweit führende Befund zu den Globalisierungseffekten stammt von NYU-Professor Branko Milanovic[ii] . Seine inzwischen berühmte Elefantengrafik veranschaulicht die seit 1988 kumulierten realen Einkommenszuwächse für die hundert Perzentile der globalen Einkommensverteilung. Danach ist die Unzufriedenheit mit der Globalisierung besonders hoch in den alten OECD-Staaten, an deren Menschen laut Milanovics empirischem Befund die Globalisierungsgewinne relativ spurlos vorbeiging, wenn man von globalisierungsinduzierten Kaufkraftgewinnen absieht. Dagegen wurden die höchsten realen und verteilungskorrigierten Einkommenszuwächse in China und Indien erzielt, den Schlusslichtern der Bertelsmänner. Nie seit der Industriellen Revolution wurden mehr Menschen aus der ärmsten Armut befreit wie zunächst in China und nun zunehmend  Indien: zusammen mehr als eine Milliarde.

[i] Bertelsmann-Stiftung (2016), Globalisierungsreport 2016: Wer profitiert am stärksten von der Globalisierung?, https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/globalisierungsreport-2016/

[ii] Vgl. zB. Branko Milanovic (2016), “The greatest reshuffle of individual incomes since the Industrial Revolution”, Voxeu.org, 1. Juli.

Zum G20-Gipfel in Hangzhou

Autor: Helmut Reisen, 2. September 2016

Gähn, noch ein G20-Gipfel. Gähn, weil diese Gipfel wohlklingende Wunschkataloge verlauten, die in der Folge nicht eingehalten werden. Ihre Versprechen sind in der Regel so schnell vergessen wie ihre steifen Fotos mit 20 und mehr Regierungschefs. Der G20-Gipfel von Hangzhou  am 4. und 5. September 2016 wird der elfte seiner Art sein. Chinas Gipfel-Motto ist: “Towards an innovative, invigorated, interconnected, and inclusive world economy.” Wer will da widersprechen?

Worum geht es aus der Makroperspektive? Erstens, um das weltwirtschaftliche Wachstum zu beleben, braucht es dringend einer starken fiskalischen Lockerung seitens der G20-Überschußländer. Zweitens sollte die Strukturpolitik der G20 den Abbau der von ihren Mitgliedsländern seit 2008 ergriffenen Protektionsmaßnahmen starten. Drittens ist die Geldpolitik weitgehend erschöpft.

Auf ihrem 2014-Gipfel in Brisbane hatten die G20-Chefs das Ziel formuliert, das Realwachstum bis 2018 um mindestens zwei Prozentpunkte zu erhöhen. Trotz der beispiellosen geldpolitischen Stimulanz in den meisten G20-Staaten bleibt das für 2016 vom IWF prognostizierte Wachstum unter der Zielvorgabe, besonders im EU-Raum (1,6 Prozent) und in Japan (0,3 Prozent). China kann man hier keinen Vorwurf machen: Der asiatische Gigant trug 2015 etwa 30 Prozent zum Weltwachstum bei, trotz verlangsamten Wachstums. Anschaulicher: Chinas Zuwachs schuf zusätzlich das gesamte Sozialprodukt der Türkei.

Das Politikpaket, das es braucht um das Brisbane-Ziel zu erreichen, umfasst die Geld- Fiskal- und Strukturpolitik. Aber die Makropolitik der G20 hat sich bislang zu sehr auf die monetäre Lockerung seitens ihrer Notenbanken gestützt. Dabei gehört die Wachstumspolitik nicht zum eigentlichen Pflichtenheft der Zentralbanken.

  • Geldpolitik: Ein unterbelichteter Kollateralschaden der monetären Lockerung liegt in der Gefahr des deflationären Abwertungswettlaufs. Daher haben die G20-Gipfel stets in Aussicht gestellt, von solchen Abwertungsorgien Abstand zu nehmen. Auf dem Hangzhou-Gipfel hofft China eine Beschränkung der japanischen Devisenmarktinterventionen zu erreichen. Der Wechselkursbefund der Deutschen Bank von Ende August sieht den chinesischen Yuan mit dem Schweizer Franken als am meisten überbewertete Währung, nach welchem Bewertungsmaßstab auch immer. Aus Chinas Sicht ist also kein Platz für eine weitere monetäre Lockerung außerhalb Pekings. Es wäre kontraproduktiv, auch aus der globalen Wachstumsperspektive, von Peking eine weitere Aufwertung des Yuan zu verlangen. Das US Treasury scheint das dieses Mal auch verstanden zu haben.

Der Yuan: die teuerste G20-WährungDB ER Valuation August 2016

Quelle: Deutsche Bank Research, FX Valuation Snapshot, 31. August 2016

  • Fiskalpolitik: Im Gegensatz zur Geldpolitik besteht großer fiskalpolitischer Handlungsspielraum in den Überschußländern der G20. Diese Länder leben auf Kosten anderer, indem sie ausländische Nachfrage durch ihren Sparüberschuß auf sich lenken. In der G20-Gruppe haben China, Japan, Korea, Russland und die Eurozone einen Zahlungsbilanzüberschuß von mehr als einer Billion US-Dollar erzielt, im Durchschnitt 4 Prozent ihrer BIP. Im Falle Deutschlands liegt dieser Positivsaldo gar bei über 8 Prozent seines Volkseinkommens. Die G20 sollte daher Schäuble und Merkel direkt und unmissverständlich an den Pranger stellen; anders lässt sich deren pathologische, deflationäre Fixierung auf die ´Schwarze Null´ nicht lösen. Höhere Staatsausgaben und auch niedrigere Einkommenssteuern in den G20 sind der effektive Weg, die Weltnachfrage in Zeiten von Null- oder Negativzinsen zu stimulieren.
  • Strukturpolitik: Hier sollte die Priorität auf die Verringerung des Handelsprotektionismus gelegt werden. Laut dem neuesten Bericht von globaltradealert.org hat die wiederholte Verletzung der G20-Versprechen zum Freihandel seit 2009 zu insgesamt 4000 neuen Handelsbarrieren und Anreizverzerrungen geführt. Sieben G20-Länder haben in diesem Jahr im Vergleich des letzten Jahrzehnts sogar verschärft: Australien, die USA, Großbritannien, Saudi-Arabien, Italien, Frankreich und Deutschland. Die fünf BRICS-Staaten zeigen hier im Längsschnittvergleich eine weniger protektionistische Performance.

Die Rangfolge der G20-Protektionssünder

GTA G 20

Quelle: FDI Recovers? The 20th GTA Report, CEPR Press 2016.

Öffentliche Bloßstellung (´name and shame´) der spezifischen G20-Länder, die mehr für globales Wachstum und gegen Deflation tun können: Das ist die vornehmste Aufgabe der G20-Führer an diesem Wochenende. Am Dienstag, den 6. September, wird die Welt sie zur Rechenschaft ziehen.

Die Bevölkerung wächst stark an: Afrika in der malthusianischen Falle?

Sommer 2016 545

Die Bevölkerung wächst stark an: Afrika in der malthusianischen Falle?

Robert Kappel

Fluchtursachen lassen sich nicht wirksam bekämpfen, weder kurz- noch mittelfristig. Es wird immer wieder neue Flüchtlingsströme geben. Flüchtlinge lassen sich nicht aufhalten, wenn Kriege, Gewalt, Umweltkrisen und Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern sie vertreiben.

Was noch viel gravierender ist: Das Bevölkerungswachstum in Afrika ist extrem hoch, d.h. in Zukunft werden noch mehr Menschen fliehen. Zahlen des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der UN verdeutlichen, dass die Menschen wegen der stark ansteigenden afrikanischen Bevölkerungen innerhalb Afrikas flüchten und/oder den Weg nach Europa (und nicht nach Saudi Arabien, China oder Russland) gehen. Franziska Woellert und Rainer Klingholz schreiben: „Das Hauptproblem ist, dass das Bevölkerungswachstum viel schneller ist als das Jobwachstum“.[1]

Es ist hilfreich, sich erneut auf eine alte und doch sehr aktuelle Diskussion zur Bevölkerungsentwicklung und –politik zu besinnen. Der Ökonom und Pastor Thomas Robert Malthus stellte in seinem „Principle of Population“ (ursprünglich 1798)[2] die These auf, dass die Bevölkerungszahl geometrisch wachse, die Nahrungsmittelproduktion aber nur arithmetisch. Das habe zur Folge, dass das Nahrungsmittelangebot und die -nachfrage sich auseinanderentwickelten. Nahrungsmittelpreise müssten daher steigen und die Reallöhne auf ein Subsistenzniveau sinken. Fehlen preventive checks zur Senkung der Geburtenrate (z. B. durch Verhütungsmaßnahmen), seien positive checks zur Steigerung der Sterblichkeit (z. B. Hungerkatastrophen) unvermeidlich. Dieses „Bevölkerungsgesetz“ hat sich weltweit betrachtet als relativ ungültig erwiesen. Für Afrika (und auch den Nahen Osten) hat das Malthusische Gesetz jedoch Bedeutung, neben vielen anderen Faktoren, die in der Entwicklungsökonomie immer wieder debattiert werden (struktureller Wandel, Rolle von Institutionen, Wachstumsmodell usw usf).

Malthus plädierte für Enthaltsamkeit, späte Heirat und für Investitionen in die Bildung als Instrumente zur Senkung der Geburtenrate. Die Hebung des allgemeinen Bildungsstandes sei ein besonders wichtiger Beitrag zur Reduzierung des Bevölkerungswachstums. Bildungsoffensiven für die unteren Schichten der Gesellschaft würden die größten Erträge bringen.

Das afrikanische Bevölkerungswachstum ist in den meisten Ländern im Durchschnitt der letzten dreißig Jahre nur wenig geringer als das Wirtschaftswachstum und das Wachstum der Nahrungsmittelproduktion. Die meist unproduktive Landwirtschaft kann die arme Bevölkerung Afrikas nicht ausreichend ernähren, die Böden sind ausgelaugt, die meisten Farmer sind von den Märkten abgekoppelt. Daher steigen die Nahrungsmittelimporte nach Afrika stark an.

Tabelle 1: Bevölkerungsentwicklung in Afrika 1950-2100, Tausend

1950 2015 2030 2050 2100
Äthiopien 18 128 99 391 138 297 188 455 242 644
Angola 4 355 25 022 39 351 65 473 138 738
Burundi 2 309 11 179 17 357 28 668 62 662
DR Congo 12 184 77 267 120 304 195 277 388 733
Malawi 2 954 17 215 26 584 43 155 87 056
Mali 4 708 17 600 27 370 45 404 92 981
Niger 2 560 19 899 35 966 72 238 209 334
Somalia 2 264 10 787 16 493 27 030 58 311
Uganda 5 158 39 032 61 929 101 873 202 868
Tanzania 7 650 53 470 82 927 137 136 299 133
Zambia 2 317 16 212 25 313 42 975 104 869

Quelle: UN (2015), World Population Prospects, New York. https://esa.un.org/unpd/wpp/publications/files/key_findings_wpp_2015.pdf

Die afrikanischen Gesellschaften sind in der malthusianischen Falle steckengeblieben, in der technologischer Fortschritt (bspw. durch Medikamente, Ausbau der Gesundheitssysteme) für mehr Bevölkerungswachstum sorgte, der Lebensstandard aber gering blieb. Erst in den letzten Jahren ist dieser gestiegen, aber manch ein Land hat trotz des Wachstums des letzten Jahrzehnts noch nicht einmal das Durchschnittseinkommen der 1960er Jahre erreicht. Erfolgsmeldungen über die relative Reduktion der Armut täuschen über die wachsende absolute Zahl der Armen hinweg, die von weniger als 2 USD überleben müssen.

In Afrika verzeichnen nur wenige Länder eine demografische Transition mit einem Sinken der Geburtenrate, bspw. die Kap Verden oder Mauritius. In den meisten Ländern liegt das Bevölkerungswachstum über 2,7%. In 28 afrikanischen Ländern wird sich die Bevölkerung von 2010 bis 2050 verdoppeln (vgl. eine Auswahl von afrikanischen Ländern in Tabelle 1). Im Jahr 2050 dürfte die Zahl der Menschen bei zwei Milliarden liegen. Diese Entwicklung ist auch mit großen Umweltzerstörungen verbunden.

 

Unruhen und bewaffnete Konflikte

Das Hauptproblem Afrikas ist, so Woellner/Klingholz 2016: „dass sich bis 2050 die Bevölkerung verdoppelt, aber nicht annähernd so viele neue Arbeitsplätze auf die Menschen warten.“ Daher leide der Kontinent unter zwei besonderen Defiziten: „Erstens können sich die meisten der afrikanischen Länder nicht selbst ernähren und sind von Nahrungsmitteleinfuhren abhängig. Zweitens müssen viele Staaten Afrikas Energie importieren … Allein zwischen 2010 und 2020 werden rund 120 Millionen junge Menschen zusätzlich auf den ohnehin überfüllten Arbeitsmarkt drängen… Ein großer Bevölkerungsanteil junger Menschen ist ein Segen für eine Volkswirtschaft, wenn diese Menschen eine angemessene Beschäftigung finden. Gelingt dies nicht, ist die Gefahr groß, dass der Jugendüberhang zu Unruhen und bewaffneten Konflikten führt.“

Schauen wir die Länder der Tabelle 1 an, so haben viele bereits etliche Bürgerkriege erlebt bzw. befinden sich in sehr konfliktiven Auseinandersetzungen (Burundi, Uganda, Somalia, DR Kongo, Mali, Angola und auch die nicht aufgelisteten Länder Liberia, Sierra Leone, Mosambik, die ebenfalls ein hohes Bevölkerungswachstum aufweisen). Die Wahrscheinlichkeit neuer interner Konflikte und Kriege zwischen den Ländern ist extrem hoch, und gerade Länder, die bereits Bürgerkriege durchgemacht haben, sind besonders anfällig für neue gewalttätige Auseinandersetzungen. Hier funktionieren die Institutionen schlechter und hier haben neo-patrimoniale Regime ihre Macht für ihren eigenen Vorteil gesucht. Und hier ist der Anteil der jungen Menschen an der Bevölkerung extrem hoch. Sie bekommen keine Jobs und organisieren sich neu, sie flüchten, sie überleben im informellen Sektor, sie bilden Gangs, bewegen sich in kriminellen Milieus oder schließen sich terroristischen oder radikalen Gruppen an, sei es im Niger-Delta, sei es Boko Haram, Al Shabab. Die Gefahren für innerstaatliche Konflikte und Bürgerkriege werden durch die extrem ansteigenden Bevölkerungen größer. Besonders wahrscheinlich sind gegenwärtig Auseinandersetzungen in Uganda, Somalia, Liberia und Äthiopien.

Es ist vor allem die Aufgabe der einzelnen afrikanischen Länder, das hohe Bevölkerungswachstum zu reduzieren. Ein Vergleich mit dem Aufstieg Chinas während der letzten 30 Jahre bzw. mit dem Vietnams oder auch lateinamerikanischen Ländern zeigt, dass Entwicklung von innen kommen muss, einschließlich einer austarierten Bevölkerungspolitik. Die meisten Länder in Afrika verfolgen keine Politik der konsequenten Familien- und Geburtenplanung, sofern sie überhaupt eine haben. Die Ausbildungssysteme sind unzureichend, und es gibt jeweils ein christlich-muslemisches Umfeld, das Diskussionen zum Thema Bevölkerungspolitik, Familien- und Geburtenplanung unterläuft.

Erforderlich sind massive Investitionen in die Bildung, vor allem Investitionen in die Bildung von Mädchen, verbunden mit einer Familienplanungs- und Geburtenpolitik. Ferner stellt sich die Aufgabe, Jobs für Junge zu schaffen. Die Kirchen und die anderen religiösen Gemeinschaften müssen sich dem Dialog zum Bevölkerungswachstum dringender denn je stellen. Nur mit ihnen wird sich der deutliche Anstieg der afrikanischen Bevölkerungen verringern lassen, und nur mit ihnen wird es gelingen, die Gefahr von Bürgerkriegen zu mildern.

pdf Datei: Bevölkerung.Afrika.Malthus

 

Literatur

Malthus, Thomas Robert (1970), An Essay on the Principle of Population, London.

UN (2015), World Population Prospects, New York, https://esa.un.org/unpd/wpp/publications/files/key_findings_wpp_2015.pdf

Woellert, Franziska und Reiner Klingholz (2016), Jobs für Afrika Wie Nahrungsmittelproduktion und erneuerbare Energien Entwicklung beschleunigen können Berlin: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Discussion Paper 17, http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Jobs_fuer_Afrika/BI_JobsFuerAfrika_online.pdf

 

Zahlreiche Beiträge zu Afrika auf dem Blog Weltneuvermessung

Robert Kappel, Die große Transformation in Afrika? oder Dani Rodrik hat nicht immer recht

https://weltneuvermessung.files.wordpress.com/2016/03/dani-rodrik-hat-recht-oder.pdf

Robert Kappel, Vormachtstreben vs. Gerechtigkeit – Deutsche Afrikapolitik auf dem falschen Weg? Oder warum Perroux‘ Kritik des Vormachtkonzepts beachtet werden sollte, https://wordpress.com/post/weltneuvermessung.wordpress.com/235

Helmut Reisen, Wer finanziert Afrikas Infrastruktur?

https://weltneuvermessung.wordpress.com/2016/04/05/wer-finanziert-afrikas-infrastruktur/

Helmut Reisen, Afrikas Finanzierung im Gegenwind

https://weltneuvermessung.wordpress.com/2015/12/04/afrikas-finanzierung-im-gegenwind/

 

[1] Woellert, Franziska und Reiner Klingholz (2016), Jobs für Afrika Wie Nahrungsmittelproduktion und erneuerbare Energien Entwicklung beschleunigen können Berlin: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Discussion Paper 17, http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Jobs_fuer_Afrika/BI_JobsFuerAfrika_online.pdf

[2] Malthus, Thomas Robert (1970), An Essay on the Principle of Population, London.

Holen die BRICS auf? Auslandsdirektinvestitionen in Afrika – eine empirische Darstellung

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Robert Kappel

Gegenwärtig werden drei politisch motivierte Vorurteile zu den Auslandsdirektinvestitionen (ADI, FDI) und zur Rolle der ausländischen Finanzzuflüsse in Afrika verbreitet: 1. China wäre einer der wichtigsten Investoren auf dem Kontinent und würde ihn aufkaufen.[1] 2. Fast alle Investitionen würden in den Rohstoff- und Energiesektor fließen. 3. Ausländische Finanzzuflüsse würden die zentrale Rolle im Entwicklungsprozess Afrikas spielen.

Eine statistische Analyse zeigt, welche Trends es gibt.

  1. Aus welchen Ländern kommen die Investoren?

Hierzu ist es sinnvoll, sich die Bestände an Auslandsdirektinvestitionen sowie die Zuflüsse genauer anzuschauen. Tabelle 1 demonstriert eindeutig, dass Großbritannien mit 9%, die USA mit 8,6% und Frankreich mit 7% über die höchsten Bestände an Investitionen in Afrika (Nordafrika plus sub-Sahara Afrika, Figure 1) verfügen. Die der EU überragen bei weitem alle anderen Investoren, wobei Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland zusammen im Jahr 2015 allein über 20% besitzen. Gegenüber 2009 (mit 19,5%) hat sich der europäische Anteil damit sogar noch erhöht. Auch der Anteil der USA ist von 7,4% (2009) auf knapp 10% (2015) gestiegen. Erstes Ergebnis: Die europäischen und US-amerikanischen Investitionen besitzen bei weitem den größten Anteil am ADI-Gesamtbestand in Afrika.

Die BRICS-Länder Südafrika (von 2,6% auf 3,5%) und China (1,5% auf 4,3%) haben deutliche Ausweitungen ihrer Bestände vorgenommen, während Indien bei 2% stagniert. Als Gruppe haben diese drei Länder ihren Anteil von 6,1% auf 9,8% steigern können. Den größten Bestandszuwachs verzeichnet China mit einem Plus von USD 23 Mrd. (also weit mehr als eine Verdopplung) während der letzten fünf Jahre, gefolgt von den USA mit USD 20 Mrd und Großbritannien mit USD 18 Mrd. Der Anteil der aufgelisteten EU-Länder stieg um USD 34 Mrd. Zweites Ergebnis: die Bedeutung der EU-Investitionen ist in den letzten Jahren sogar noch stärker geworden, der Abstand zu China und den USA hat sich weiter vergrößert. Frankreich, einst die wichtigste Wirtschaftsmacht in Afrika, verliert an Bedeutung.

Der gesamte Beitrag: download pdf: Auslandsdirektinvestitionen in Afrika2

 

[1] So titelte “Die Welt” vom 19.7.2012 “Chinesische Investoren kaufen halb Afrika auf“, http://www.welt.de/wirtschaft/article108336350/Chinesische-Investoren-kaufen-halb-Afrika-auf.html. Und David Dollar schreibt: “Since 2000, China has emerged as Africa’s largest trading partner and a major source of investment finance as well, David Dollar (2016): Order from Chaos. Setting the record straight on China’s engagement in Africa, 11. Juli 2016, https://www.brookings.edu/2016/07/11/setting-the-record-straight-on-chinas-engagement-in-africa/. Vgl. zur deutschen Diskussion, Helmut Reisen (2016), Vorsprung durch Technik: Antworten auf chinesische Übernahmen, Blog Weltneuvermessung 16.6.2016. https://weltneuvermessung.wordpress.com/2016/06/16/vorsprung-durch-technik-antworten-auf-chinesische-uebernahmen/. Zur Rolle Chinas auf das Wachstum Afrikas siehe Kappel, Robert, Birte Pfeiffer und Helmut Reisen (2016), Wie Chinas Neuausrichtung Afrikas Wachstum beeinflussen wird, Ökonomenstimme 23.5.2016. http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2016/05/wie-chinas-neuausrichtung-afrikas-wachstum-beeinflussen-wird/

Mit Paul Romer zurück zur US-dominierten Weltbank?

 

Helmut Reisen:

Mit Paul Romer zurück zur US-dominierten Weltbank?

Es ist seit Montag (18. Juli) offiziell: Paul M. Romer, der Begründer der Theorie des endogenen (statt neoklassischen) Wachstums und Verfechter von Sonderzonen („charter cities“) wird neuer Chefökonom der Weltbank. Die Begeisterung über diese Personalie war nahezu einhellig. Danny Quah (LSE und Leee Kuan Yew School), der selbst in jungen Jahren maßgeblich zur endogenen Konvergenztheorie beitrug, postete auf Facebook und Twitter:

„For World Bank Chief Economist, Paul Romer – brilliant deep thinker, fully engaged with humanity’s largest challenges. The International Financial Architecture makes an inspired choice.”

Willem H Buiter (nicht nur Chefökonom Citibank) sekundierte im selben Post: „A really great choice! There may be hope for the World Bank after all …”.

Guy Pfeffermann (früher Chefvolkswirt der IFC) begegnete meiner Skepsis über die Wahl Romers – wir bewegen uns noch immer in der Facebook-Welt (ja, wir werden älter…) – mit dem Hinweis, den wohl fast jeder teilten kann: „Oh, I don’t know, Helmut. I very much like the emphasis on ideas and their diffusion as a growth factor.”

Mit der Wahl Romers kann sich die Weltbank stärker als Wissensbank herausstellen und in der multilateralen Fauna differenzieren. Es war Paul Romer, der die Wachstumstheorie mit der Endogenisierung von Wissen und Ideen bereicherte, anstatt Humankapital nur als exogene Residualgröße zu verbuchen.  Folglich sollten sich offene Volkswirtschaften, deren Institutionen und Sozialmodell die Verbreitung von Wissen fördern, rascher und dauerhaften wachsen. Von dort zur Betonung Romers  der Entwicklungsrolle von neuen Städten in armen Ländern („Charter Cities“), abgeleitet von den Entwicklungserfahrungen der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong und der chinesischen Sonderzone Shenzhen, war es nur ein kleiner Schritt[1]. Was Romer neuentdeckte, kennen wir aus dem Mittelalter: „Stadtluft macht frei“.

Vereinzelt wurde die Wahl kritisiert. Allerdings wirkt der Vorwurf, die Betonung der Rolle Hongkongs sei Neokolonialismus, etwas an den Haaren herbeigezogen[2].

Ich persönlich finde es schade, dass die Weltbank die neue Tradition, einen renommierten Ökonomen aus den Schwellenländern für den Posten des Chefökonomen zu nominieren, schon wieder abbricht. Nach dem Pariser Verteilungsexperten François Bourguignon, mit dessen Wahl die Bank ihren Schwerpunkt auf die Armutsbekämpfung unterstrich, holte sie die chinesischen und indischen Entwicklungsökonomen Justin Yifu Lin und Kaushik Basu nach DC. Lin war bislang der einzige Chefökonom der Weltbank, der nicht aus nordamerikanischen Universitäten kam.

Nach Weltneuvermessung schmeckte insbesondere die Wahl Justin Lins: nicht nur ökonomisch und politisch, sondern auch paradigmatisch. Ich vermute, die Wahl eines US-Amerikaners könnte auch mit der multilateralen Fragmentierung erklärt werden. Die Gründung der AIIB war ein von den USA lange gebremster Versuch Chinas, aus der US-Dominanz der multilateralen Entwicklungsbanken auszubrechen. Trotz anderslautender Rhetorik kehrt die Weltbank mit der Wahl Romers vielleicht wieder etwas in die alte Welt der US-Dominanz zurück.

[1] The Economist, “The World Bank hires a famous contrarian”, 18. Juli 2016.

[2] Norbert Häring, The World Bank on the way back to the Washington Consensus – with Chicago Boy Paul Romer, 19. Juli 2016

 

Ein Brexit würde sich auf das Wachstum in Afrika auswirken

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SRF 4 News aktuell – Schweizer Radio und Fernsehen 21.6.2016

http://www.srf.ch/play/radio/srf-4-news-aktuell/audio/ein-brexit-wuerde-sich-auf-das-wachstum-in-afrika-auswirken?id=6ff4fd3b-e2e9-4ac2-abd2-8b0dec97e9c2

Ganz Europa diskutiert derzeit, welche Folgen ein Brexit haben könnte. Auch für Afrika könnte ein Brexit Folgen haben. Durch das niedrigere Wachstums in der EU und Großbritannien wird sich auch das Wachstum in Afrika verlangsamen. Die stärkere Abwertung des britischen Pfundes gegenüber dem Euro wird ebenfalls Folgen für Afrika haben.

Die Handelsbeziehungen zwischen der EU und Afrika sind im Cotonou-Abkommen von 2000 geregelt. Dazu kommen eine Reihe von sogenannten Wirtschaftspartnerabkommen der EU mit den regionalen Wirtschaftsgemeinschaften – beispielsweise mit der westafrikanischen ECOWAS oder der ostafrikanischen EAC. In den Verträgen sind gegenseitige Vergünstigungen beim Austausch von Waren und Dienstleistungen vereinbart.

Der Brexit würde die vertraglichen Bedingungen der Handelsbeziehungen zwischen Europa und Afrika zwar zunächst grundlegend verändern, sagte Afrika-Experte Robert Kappel vom Hamburger GIGA-Institut kurz vor der Abstimmung. „Aber ich gehe davon aus, dass die britische Regierung im Falle eines Austritts ganz pragmatisch vorgehen wird und die Verträge im Rahmen des Cotonou-Abkommen weiter bestehen lassen wird“.

Brexit: Chance oder Gefahr für Afrika? | Afrika | DW.COM | 18.06.2016

http://www.dw.com/de/brexit-chance-oder-gefahr-f%C3%BCr-afrika/a-19336756

Interviews mit Robert Kappel. Er forscht am Giga-Institut in Hamburg zur wirtschaftlichen Beziehung zwischen der EU und Afrika.

Vorsprung durch Technik: Antworten auf chinesische Übernahmen

 

Helmut Reisen, 16.Juni 2016

Wie auch andernorts, kauft China derzeit fleißig deutsche Unternehmen auf, die seiner technologischen Erneuerung dienen. Vorsprung durch Technik, das wollen die Chinesen haben. Kunststoffmaschinen (Krauss Maffei), Baumaschinen (Putzmeister), Gabelstapler (Kion), Chipanlagen (Aixtron), Grafikelektroden (SGL Carbon) und nun Roboter (Kuka). Ein Sturm protektionistischer Reflexe begrüßt die chinesischen Übernahmen.  Nicht nur Politiker entrüsten sich (EU-Wettbewerbskommissar Guenther Oettinger, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel), sondern auch Professoren, beispielsweise der frühere IFO-Präsident Hans-Werner Sinn und Sebastian Heilmann, der Direktor des Mercator-Instituts für Chinastudien (Merics)[1].

Ähnliche Abwehrreflexe gab es bereits vor knapp zehn Jahren, als die gutfinanzierten Staatsfonds Chinas und anderer Schwellenländer mit Firmenaufkäufen begannen[2]. Während die Staatsfonds mit ihren Investitionen in erster Linie auf Diversifizierung ihres Anlageportefeuilles und auf höhere risikogewichtete Renditen abzielen, ist die derzeitige Welle chinesische Übernahmen schwieriger zu beurteilen.

China hat traditionell mehr Direktinvestitionen vom Ausland angenommen als im Ausland investiert (Tabelle 1). Seit etwa 2010 stagnieren allerdings die Zuflüsse nach China, da steigende Lohnstückkosten den Appeal des Standorts für  arbeitsintensive Hersteller gemindert haben. Seitdem haben die chinesischen Direktinvestitionen im Ausland geboomt; gleichzeitig zielen die Chinesen vermehrt auf hochentwickelte Volkswirtschaften statt auf wenig entwickelte Rohstoffnationen.

Tabelle 1: Chinas Direktinvestitionen – Umfang und Restriktionen

Jahr 2005 2010 2015
Zuflüsse, Mrd. US$ 104,1 243,7 249,9
Abflüsse, Mrd. US$ 13,7 58,0 187,8
Restriktionen (0 to 1) 0,56 0,42 0,38

Quelle: http://stats.oecd.org/Index.aspx?QueryId=64225#; http://stats.oecd.org/Index.aspx?datasetcode=FDIINDEX#

 

In Einklang mit der inzwischen vorherrschenden Lehrmeinung hat China seinen Kapitalverkehr graduell aber stetig liberalisiert. Der Restriktionsindex der OECD zeigt 1 für völlig geschlossenen Kapitalverkehr und O bei vollständig liberalisierter Investitionsordnung an. Der OECD-Index ermittelt Eigentumshindernisse, Genehmigungsbarrieren, Personalvorschriften und weitere Restriktionen wie auf Landerwerb und Gewinnrückführungen.  Seit 2005 misst dieser Index einen Rückgang von 0,56 bis auf zuletzt 0,38 Indexpunkte. Allerdings erlaubt China ausländischen Unternehmen immer noch keinen Alleinbesitz, sondern nur Beteiligungen (joint ventures).

 

Chinas staatlich gelenkte Industrie- und Technologiepolitik, welche durch Übernahmen auf Technologiesprünge abzielt, stellt  die europäische Wettbewerbspolitik und Investitionsfreiheit auch angesichts der Größe und Wirtschaftsverfassung Chinas vor neue industrie- und sicherheitspolitische Herausforderungen[3]. Besonders schwer wiegen nach meiner Einschätzung folgende Sorgen:

  • Asymmetrischer Marktzugang. Zwischen der EU und China herrschen ungleiche Wettbewerbsbedingungen. Das gilt besonders für Deutschland, das eine traditionell sehr offene Außenwirtschaftsverfassung hat. Mit einem Indexwert von nur 0,023 gehört Deutschland nach dem Restriktionsindex der OECD zu den weltweit offensten Ländern. Chinas Mindestanforderungen an die lokale Fertigung treffen mit über 60% die deutschen Unternehmen besonders da, wo sie Wettbewerbsvorteile haben: Kraftwerke; Wind- und Solarindustrie; Medizintechnik; Industrieroboter; und die Autoindustrie mitsamt der dazugehörigen Verbindungstechnologie.
  • Subventionen und geldwerte Begünstigung. Chinas global operierende Unternehmen genießen vielfältige Vergünstigungen durch staatliche Beihilfen der Regierung und der Provinzen. Der damit verbundene unfaire Wettbewerb zeigt sich besonders bei staatlicher Auftragsvergabe und beim verzerrten globalen Bieterwettbewerb.
  • Technologietransfer und industrielle Aushöhlung. Staatskontrollierte chinesische Unternehmen absorbieren durch Übernahmen technologische Kernkompetenzen, was zur Aushöhlung der industriellen Fertigungsbasis in Europa führen könnte. Die Erosion von Netzwerkvorteilen – besonders deutlich im Fall der deutschen Autozulieferer – könnte letztlich ganze Industriezweige und Standorte aussaugen.
  • Nationale Sicherheitsrisiken. Hier gelten die Befürchtungen besonders der Wehrindustrie und der Einschleusung, Überwachung und Sabotage. Das Außenwirtschaftsgesetz gibt allerdings der deutschen Regierung die Möglichkeit, den Verkauf von Unternehmen oder Firmenteilen an Interessenten außerhalb der EU zu beschränken, um die „wesentlichen Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik Deutschland zu gewährleisten“. Gleiches gilt für die USA, dem das Komitee für Auslandsinvestitionen (CFIUS) ein Werkzeug zur Verhinderung von Übernahmen selbst in Drittländern (Syngenta) zur Verfügung stellt.

Solche Sorgen geben leicht Anlass zu verzerrenden und diskriminierenden nationalen Maßnahmen, da es kein internationales Abkommen für Direktinvestitionen gibt. Was protektionistische adhoc Antworten bremst, ist angesichts der Größe des chinesischen Marktes die Angst vor Vergeltungsmaßnahmen.

Aus volkswirtschaftlicher (statt industrielobbyistischer) Perspektive bieten die meisten chinesischen Übernahmen keinen Anlass für industriepolitische Interventionen. Ein wichtiges, aber weithin verkanntes,  Kriterium zur Erfassung der Wohlfahrtseffekte chinesischer Übernahmen liefert die Außenhandelstheorie: die Wirkung auf die Austauschraten[4]. Deutschlands Wohlfahrt ist durch Übernahmen mit Technologietransfer nicht berührt, solange sie die Austauschraten nicht beeinflussen – heute und morgen. So können Übernahmen mit Technologietransfer auch die Wohlfahrt im Empfängerland erhöhen, wenn sie Industriezweige mit kompetitiven Nachteilen und Nettoimportsalden betreffen: Da solche Importe infolge des Technologietransfers nach und der Fertigung in China billiger werden, verbessern sich Deutschlands Austauschraten. Das Gegenteil betrifft die Bereiche der Hochtechnologie, in denen Deutschland einen Wettbewerbsvorteil (Nettoexporte) aufweist. Das Kriterium der Austauschraten sollte in der Politik stärkere beachtung finden.

[1] Sebastian Heilmann (2016), “Europe needs tougher response to China’s state-led investments”, Financial Times, 9th June.

[2] Helmut Reisen, „Staatsfonds aus ökonomischer Sicht“, Die Volkswirtschaft Das Magazin für Wirtschaftspolitik 7/8-2008, S. 26-28..

[3] Eine ausführliche Diskussion zu diesen Fragen findet sich in Thilo Hanemann and Mikko Huotari (2015), “Chinese FDI in Europe and Germany: Preparing for a New Era of Chinese Capital”, Merics/Rhodium Group, Berlin.

[4] Henning Klodt (2008), „Müssen wir uns vor Staatsfonds schützen?“, Wirtschaftsdienst, Vol. 88, Heft. 3, S. 175-180, http://dx.doi.org/10.1007/s10273-008-0772-z.